Innovation bewusst bremsen

Wenn ich bei Vorträgen und Workshops Teilnehmer aus Unternehmen herausfordern möchte, werfe ich in den Raum, dass Geschwindigkeit vielleicht nicht alles ist. Die Blicke sagen mir dann, dass ich wohl gerade etwas nahezu Blasphemisches geäußert habe. Um bei der digitalen Transformation aufzuholen, geben viele Unternehmen die Prämisse „Wir müssen viel schneller werden“ aus. Das ist verständlich. Die Transformation wird vor allem über ihre Beschleunigung erlebt. Andere Aspekte wie Komplexität sind schwerer wahrnehmbar, geschweige denn beantwortbar.

„Move fast and break things“

Mehr und mehr lassen sich inzwischen aber auch die Kosten der Fokussierung auf Geschwindigkeit beobachten: Von Facebook, das nicht so recht weiß, wie es auf den „Missbrauch“ seiner Plattform reagieren soll, bis zur massiven Zunahme von Hacks, Leaks und weiteren Cyber-Security-Themen. Wir sehen die Konsequenzen von „Move fast and break things“ und genau deswegen hinterfrage ich bewusst den Geschwindigkeitsfetisch.

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Zwei Zitate zum Technologiediskurs

Es gibt zwei Zitate, die ich in den letzten 24 Monaten in all meinen Vorträgen und fast wöchentlich in Diskussionen wiederholt habe.

1.

Sufficiantly advanced neglect is indistinguishable from malice.

Deb Chachra

2.

People worry that computers will get too smart and take over the world, but the real problem is that they’re too stupid and they’ve already taken over the world.

Pedro Domingos

The Cleaners – Dokumentation über Datenhausmeister im Kino

2015 habe ich auf Republica u.a. über die sogenannten Datenhausmeister gesprochen: Die Menschen, die die Drecksarbeit der großen Datenkonzerne verrichten und dafür sorgen, dass Big Data sich wie Magie anfühlt. Sie sind das – inzwischen nicht mehr ganz so geheime – dunkle Geheimnis des Silicon Valleys.

Nun kommt mit The Cleaners ein Dokumentarfilm in die Kinos, der sich mit genau diesen Menschen beschäftigt und all den Fragen, die sich um sie, ihre Rolle und die Konzerne, die sie beauftragen, drehen. Hoffnung darf man dabei wohl nicht erwarten.

Hubertus Heil und die Maschinenstürmer

hubertus heil sz maschinenstürmer

Hubertus Heil mit einer – für einen Sozialdemokraten erschreckend verkürzten – Sicht auf die Maschinenstürmer in der SZ, als er nach einer Robotersteuer gefragt wird:

Ich warne vor Kurzschlüssen. Die Sozialdemokratie ist im 19. Jahrhundert entstanden, sozusagen bei Industrie 1.0. Da hatten auch Menschen Angst. Da gab es Maschinenstürmer, die mit Hacke und Spaten den Lauf der Dinge aufhalten wollten. Die haben historisch verloren. Die Frage war damals schon: Wie machen wir aus technologischem Fortschritt für wenige sozialen Fortschritt für viele? Diese Aufgabe stellt sich jetzt neu, noch viel schneller. Aber eine Maschinen- oder Robotersteuer hilft uns nicht. Was soll das sein: eine Produktivitätsverhinderungssteuer? Das wäre Maschinenstürmerei mit den Mitteln des Steuerrechts.

 

Die Maschinenstürmer (engl. „Luddites“) wurden erst zu ebensolchen, als alle anderen Mittel keine Wirkung zeigten. Sie haben auch nicht „historisch verloren“, sondern wurden mithilfe des Staats schlicht niedergemetzelt. Dabei war ihr Ziel gar nicht den Fortschritt aufzuhalten, sondern an ihm beteiligt zu werden. Und auch, wenn sie gewaltsam beendet wurden, so haben sie doch viele der Grundlagen gelegt, aus denen die Arbeiterbewegung und die Sozialdemokratie hervor gingen. „Maschinenstürmer“ wird heute vor allem als Schimpfwort und Totschlagargument von Technologie-Deterministen und Fortschrittsfanatikern benutzt, die den historischen Kontext für ihre eigenen Zwecke verfälschen. Dass nun ein führender Sozialdemokrat das gleiche Mittel benutzt, um eine Idee zu diskreditieren, für die sich selbst ein Tech-Milliardär wie Bill Gates einsetzt, sagt weniger etwas über den Sinn dieser Idee und mehr über den Zustand der deutschen Sozialdemokratie aus.

Leseempfehlung: Why the Luddites Matter

 

Die Schnittstelle zwischen Technologie und Gesellschaft

Toomas Hendrik Ilves, früherer President von Estland, hat die aktuelle Ausgabe des sehr empfehlenswerten Exponential-View-Newsletters kuratiert. In seiner Einleitung schreibt er:

While we revel in – or at least enjoy – the technological advances, from social media to ride services, we have yet to understand or come to terms with what all this entails for electoral democracy as well as our privacy. Geeks and techies rarely think about the ethical and political implications of their products; politicians, law and policy makers often lack the basic skills to even understand how technology has changed how democracies work.

The exceedingly small Venn diagram intersection set between technology companies’ understanding of democracy and democratic governments’ understanding of technology has been a concern, both professional and now academic, for at least a quarter-century. This edition of Exponential View is largely devoted to this.

Nonetheless, governments and tech, despite living in nearly separate worlds will inevitably collide. To lessen the clash, each realm will need to educate itself about the other.

 

Diese Schnittmenge, die er beschreibt, ist auch für mich über die letzten Jahre zunehmend der Schwerpunkt meiner Arbeit und meiner Aufmerksamkeit geworden.

Technikfolgenabschätzung von soziotechnischen Zukünften

Deswegen war es für mich auch ein Schlüsselmomente der letzten Monate, als ich Christopher Coenen vom ITAS in Karlsruhe über Vision Assessment habe sprechen hören. Coenen kommt aus der Technikfolgenabschätzung, die, ziemlich genau das macht, was der Name beschreibt. In den letzten Jahren beschränkt sich die Analyse aber nicht mehr nur auf die technologischen Entwicklungen direkt, sondern schaut sich auch immer mehr die Vision von Technologieentwicklern an (Vision Assessment). Besonders spannend finde ich dabei die aktuellen Ideen rund um die Technikfolgenabschätzung von soziotechnischen Zukünften (PDF), die Technikvisionen aus zwei Dimensionen betrachtet:

  1. Ausdruck der Gesellschaft in den Zukünften
  2. Wirkung von Zukünften in der Gesellschaft

Die erste analytische Dimension konzentriert sich darauf, herauszufinden, welche gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustände in einer soziotechnischen Zukunft ausgedrückt werden und auf welche Weise daraus Annahmen über wünschenswerte oder zu vermeidende, als realisierbar oder auch unerreichbar angesehene Zukunftsoptionen abgeleitet werden. Die zweite analytische Dimension fokussiert dagegen darauf, Wirkungen (sowie die Performativität) einer soziotechnischen Zukunft in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext zu erfassen.

 

Diese Themen werden mich auch im zweiten Semester des Masters Zukunftsforschung beschäftigen, da auch die Schnittstelle zwischen Zukunftsforschung und Technikfolgenabschätzung mit der Analyse soziotechnischer Zukünfte eine neue Dimension bekommt, die mich sehr interessiert.

Die „Initiative“ in Schweden und Metamoderna

Masha Gessen hat sich in Schweden die Entstehung der neuen Partei „Die Initiative“ angesehen. Sie startet ohne Programm, aber mit zwei Listen. Eine Liste mit Werten: „courage, openness, compassion, optimism, co-creation, and actionability“ und eine Liste mit gesellschaftlichen Krisen: „the crisis of faith in democracy, the environmental crisis, and the crisis of mental health“. Alle weiteren Details der Partei sollen in landesweiten Workshops entstehen.

Hanzi Freinacht und Metamoderna

Philosophical inspiration for the project came from the work of Emil Ejner Friis and Daniel Görtz, who together created Hanzi Freinacht, an imaginary “philosopher, historian, and sociologist” who lives in seclusion in the Swiss Alps. Freinacht blogs at metamoderna.org, where he puts forward ideas of a society based on the principles of metamodernism, a school of thought that purports to succeed postmodernism. Metamodernism combines the hope of modernism with the critique of postmodernism. It is both questioning and visionary, and it believes in the future. Most important, Freinacht writes, a metamodern politics moves beyond liberal ideas toward shared responsibility for maximizing the happiness and health of everyone in the world. Welfare, in metamodern politics, must not merely guarantee material well-being and physical health but also “a listening society, where every person is seen and heard.”

Link: The Invention of a New Kind of Political Party in Sweden

Heute ist ein guter Tag, um …

  • einer Partei beizutreten
  • zu einer Demo/Aktion gegen Rechts gehen
  • migrantische, queere, POC-supportenden Initiativen, Projekte und Stimmen zu unterstützten
  • mal wieder das Grundgesetz zu lesen
  • sich als Förderer und Mentor für junge Menschen zu engagieren
  • eine Wochenzeitung zu abonnieren, gedruckt oder digital und Correctiv-Mitglied zu werden
  • einen YouTube-Kanal über Politik oder ein soziales Thema anzufangen
  • sich eine*n Politiker*in zu suchen, die/den man richtig gut findet und die nächsten Jahre aktiv unterstützt
  • sich wieder aktiver mit der deutschen Geschichte zu beschäftigen und z.B. bei nächster Gelegenheit die Gedenkstätte für den deutschen Widerstand in Berlin besuchen
  • Verantwortung zu übernehmen

Wir haben mit Was Machen die letzten Monate viele weitere Möglichkeiten zusammengetragen.