Offiziell

Seit heute morgen bin ich nun offiziell selbstständig. Damit kann das Abenteuer beginnen. Derzeit sieht es für den Start gar nicht mal so schlecht aus. Meine kleine Deutschlandtour hat sich bisher sehr bezahlt gemacht. München war super. Ich werde für das Holtzbrinck eLab an superspannenden Webprojekten arbeiten. Das ist genau die Form von Job, die ich mir wünsche: Web-2.0- und Social-Software-Projekte auf freier Basis entwickeln.
Nächste Woche geht es erstmal auf die CeBIT, wo ich Carsten an seinem Stand über iverse unterstützen werde (tautoko halt). Von dort aus geht’s weiter nach München für den ersten Job im eLab.
Und seit heute morgen bin ich nun auch offiziell Bürger von Karlsruhe…

Zwei Seelen

Einer der Hauptgründe für meine Entscheidung zur Selbstständigkeit ist die Angst, bei einem vollen Job in der Webbranche völlig in Konzeption, Meetings und Ajax-Diskussionen unterzugehen und dabei sinnvolle Ziele und das Ausüben der Tätigkeiten, die mich ausfüllen komplett zu vernachlässigen. Die eigentliche Angst ist aber, dass dies schleichend passiert, weil ich mich an den Lebensstil gewöhne und ihn sogar genieße. Es gibt da so einen Teil in mir, der hat Bock nur noch in Buzzwords zu reden, „kreative“ Meetings im Starbucks zu haben, mit nem schicken Notebook durch die Welt zu jetten und ständig am Handy wichtige Gespräche mit Kunden über Deadlines für superwichtige Projekte zu führen. Dieser Teil hätte die Hochzeit der New Economy geliebt und würde jetzt gerne einen Milchkaffee (sorry, Galáo) auf der Schanze trinken, während er diese Zeilen in sein MacBook Pro tippt. Und ich finde das nicht mal schlimm. Ich kann jeden verstehen, der das lebt. Nur stellt ein anderer Teil in mir dann schnell die unbequemen Fragen. Soll das der Sinn deines Lebens sein? Rettet Web 2.0 Menschenleben? Muss ich jede neue Social Software testen, während Kinder in Asien meine nächsten Sneaker fertigen, die zu meinem Hipster-Lifestyle pflichtgemäß dazu gehören? Die richtige Position liegt wohl irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Polen. Meine Selbstständigkeit erlaubt mir, zumindest hoffe ich das, selbst zu bestimmen, wohin ich mich bewege und gegebenenfalls gegenzusteuern. Wie auch immer… Jedenfalls habe ich richtig Bock auf spannende Webprojekte, bei denen es nicht nur um Werbung und plumpe Promotion geht. Zum Beispiel arbeite ich mit Denis gerade an einem neuen Webauftritt für die Art Academy in London. Das sind richtig coole Leute dort, denen es vor allem um ihr Handwerk und die Kunst geht. Die sind jung und offen für neue Ideen. So macht das für mich Sinn. Dieses Austarieren zwischen den beiden Polen  beschäftigt mich gerade besonders, weil ich mich halt frage, wie ich mich verkaufen soll. Präsentiere ich mich als Web-2.0-Experten, der in Webdiensten und Plattformen zu hause ist und als idealer Berater für Social-Web-Projekte, der eigentlich nur nach der richtigen Idee sucht, um von Yahoo gekauft zu werden? Oder versuch ich’s superehrlich und stelle mich als Berufseinsteiger ohne Karriereambitionen mit kaum Erfahrung und nem zufällig gelungenen Abschluss dar, der was über Web 2.0 geschrieben hat, der aber auch über nen FairTrade-Streetwear-Label/Shop/Mailorder nachdenkt, der nicht aus Karlsruhe weg will, weil er hier das Umfeld und die Freunde hat, mit denen er den heißen Scheiß realisieren will und der einfach nur tausend Projekte machen möchte, die ihm Spaß machen und Erfüllung bringen, ohne schon genau zu wissen, wo das endet.

Also, liebe Firmen, ihr braucht nen Typen, mit dem ihr frische Konzepte für Webprojekte jeder Art entwickeln könnt, die vorwiegend außerhalb der gewohnten Schienen laufen sollen, aber auch gerne Kohle einbringen können? Ihr denkt projektorientiert und nicht in Vollzeit-Festanstellungen? Dann bin ich euer Mann, das Frischfleisch von der Hochschule mit einem Rest von Idealen und ungeschliffenen Perspektiven. Und wenn das Projekt geil ist, schiebe ich sogar gerne Nachtschichten. Wenn ihr aber „Young Talents“, „Future Leaders“, „zukünftige Führungskräfte“ oder „Experten mit Leidenschaft“ für eure Karriereförderungsprogramme sucht, die euch die nächste e-Commerce-Plattform bauen, einen Arbeitsplatz auf eurem fancy „Campus“ und eine 100%-Festanstellung bekommen, aber 150% arbeiten sollen, dann spart euch die E-Mail. Mal sehen, wann ich mir für diese Aussage ins Knie beiße…

Randnotiz: Wie alles in diesem Blog ist auch dieser Text aus dramaturgischen Gründen völlig übertrieben und dient vor allem dazu, dass ich meine Gedanken mal formuliert bekomme, wobei die Realität viel komplexer ist. Aber die wird sich auch nie in einem Blogtext wiedergeben lassen.

Die Entscheidung

Die Entscheidung ist gefallen. Ich werde mich als Berater, Konzepter, Entwickler und allgemeiner Webexperte selbstständig machen. Auch wenn ich es eigentlich schon von Anfang an wusste, so habe ich doch etwas gebraucht, bis ich mir über diesen Schritt sicher war. Denn immerhin kostet er einen hohen Preis. Ich gebe die Chance auf eine Karriere mit gutem Gehalt und viel Sicherheit mindestens für die nächsten Jahre auf und darf mich nun mit schlaflosen Nächten mit Sorgen um die nächste Kühlschrankfüllung anfreunden. Aber ich glaube, dass es den Preis wert ist.

Die Möglichkeiten zur Selbstständigkeit waren für mich selten so gut wie im Moment. Meine Lebenskosten sind extrem niedrig (keine Frau, keine Kinder, kein Haus, kein Auto). Ich habe ein Diplomthema, das gerade auf extrem viel Interesse stößt und dazu einen perfekten Hochschulabschluss. Derzeit sieht es eher so aus, als könnte ich mir meine Projekte aussuchen. Dazu habe ich mit Kubik ein Umfeld von Freunden, die mich davor bewahren, mich in der Arbeit zu verlieren und geld- oder karrieregeil zu werden. Die Umstände sprechen also deutlich für diesen Schritt. Das einzige, was mir fehlt, ist ein dickes Finanzpolster, um gut leben zu können, bis die ersten Projekte abgeschlossen sind. Aber das lehrt mich Disziplin im Umgang mit meinen Ausgaben und sorgt dafür, dass ich meinen Arsch hoch bekomme.

Der Hauptgrund für den Schritt in die Selbstständigkeit ist mein Unwille, mich auf eine Sache zu konzentrieren. Könnte ich mir vorstellen als Konzepter in einer Agentur zu arbeiten? Ja, aber nicht nur. Könnte ich mir vorstellen Webseiten zu entwickeln? Ja, aber nicht nur, usw. Es gibt einfach zu viele Dinge, die gerade spannend sind. Wenn es so etwas wie einen roten Faden in meinem Leben gibt, dann der, dass ich mich schon immer für tausend verschiedene Sachen interessiert habe und das es eine meiner Kernkompetenzen ist, diese Dinge aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenzubringen (siehe Web 2.0 und emerging church).

Die nächsten Monate und Jahre werden also ein bunter Mix aus Beratung von Unternehmen und Organisationen zu Webkommunikation, Entwicklung von Webseiten und -applikationen, die Thesen aus meiner Diplomarbeit vertiefen, bloggen und podcasten, Seminare und Workshops durchführen, Netzwerke bauen und fördern, Konzepte erstellen und was sonst noch so alles passieren könnte. Dabei vermischen sich auch die Felder der „Kunden“ von kommerziellen Unternehmen, Non-Profit-Organisationen, Kirchen, Freunden und Netzwerken. Und das gefällt mir…

Nachtrag: War ja klar. Heute morgen hier noch die dicke Lippe riskiert und nun bekomme ich schon Muffensausen, wenn ich nur die Monatsbeiträge für die Krankenkasse sehe…

Der Generalist im Cyberspace

In meinen Gesprächen mit Firmen fällt immer wieder die Jobbezeichnung Konzepter. Dabei wird auch immer schnell klar, dass Media System Designer ideale Konzepter sind. Wer also endlich mal verstehen will, was der Kleske eigentlich kann bzw. was er in seinem Studium gelernt hat, liest sich am besten mal folgenden Artikel der SZ durch:

Neue Berufe Der Generalist im Cyberspace – Job & Karriere – sueddeutsche.de

Dieser Job macht deutlich, was ein Multimedia-Konzepter von Anfang an mitbringen muss: „Man sollte sowohl viel von moderner Technik verstehen als auch von den Bedürfnissen der Anwender“, sagt Büsing. Beides aufeinander abzustimmen, um damit ein vorgegebenes Ziel des Auftraggebers zu erreichen, ist die Hauptaufgabe in diesem Beruf.

Siehe auch: Berufsbild Multimedia Konzepter

Nachtrag: Habe mal gesucht und wie es aussieht, suchen wirklich eine Menge Agenturen in Deutschland gerade Konzepter (natürlich immer mit ewiger Berufserfahrung), nur in Karlsruhe nicht…

Viele Fragen

Irgendwie dachte ich, nach dem Diplom wäre erstmal chillen für mich angesagt. Aber denkste. Mein Kopf arbeitet auf Hochtouren wie schon lange nicht mehr. Alles dreht sich um folgende Fragen:

  • Was will ich?
  • Wo liegen meine Talente und Stärken?
  • Was ist mir wichtig?
  • Was macht mich glücklich?
  • Wovon träume ich?
  • Auf was möchte ich am Ende meines Lebens zurückblicken können?
  • Wie wichtig ist mir Sicherheit?
  • Kann ich meine Vision auch im Businessumfeld verwirklichen?
  • Wie weit kann man in Firmen innovativ und kreativ arbeiten?
  • Wieviele Kompromisse würde ich eingehen müssen?
  • Wenn jetzt plötzlich Lidl kommt und ein Wiki will, kann ich dann „Nein!“ sagen?
  • Lohnt es sich, zuerst ein paar Jahre Erfahrungen in der Wirtschaft zu sammeln bevor man die eigenen Träume umsetzt?
  • Schafft man danach wirklich den Absprung und die Umstellung, wenn man sich erstmal an die Sicherheit und die Kohle gewöhnt hat?
  • Was hält mich davon ab, nicht direkt anzufangen?

Ich merke immer mehr, dass es für mich um eine grundsätzliche Entscheidung zwischen einer sicheren Karriere und der Umsetzung meiner Vision geht. Allerdings ist die Entscheidung nicht so einfach, wie es aussieht. In den aktuellen Gesprächen mit Agenturen und Firmen geht es um spannende Arbeit, die mir Spaß machen würde und mit der ich gutes Geld verdienen könnte. Für jemanden, der in einem Hochhauskomplex aufgewachsen ist, der in seinem Leben insgesamt viermal in Urlaub war, weil man sich nicht mehr leisten konnte, der mit fünf Geschwistern in einer 4-Zimmer-Wohnung auf 95qm den Großteil seiner Kindheit verbracht hat und der seiner möglichen, zukünftigen Familie gerne Sicherheit geben möchte, ist das extrem anziehend. Und vielleicht hat ja auch Gott diese Türen geöffnet und sagt „Digger, ich habe dir deine Talente geben, damit du sie hier einsetzt. Licht und Salz gehören auch in die Geschäftswelt, weisch?“

…und jetzt?

Die Diplomarbeit ist abgegeben. Bei der Gelegenheit habe ich auch erfahren, dass es entgegen anders lautenden Informationen doch eine Diplomverleihung geben wird. Und die findet am 10. Februar statt, mitten in meinem Londonaufenthalt. Klasse, ich verpasse meinen eigenen Abschluss. So ne Kacke.

Nun wo die Diplomarbeit abgeschlossen ist kann ich mich voll dem Satz widmen, den ich in den letzten Tagen wohl am häufigsten gehört habe: „Glückwunsch. Und jetzt?“ Wenn ich das selbst mal so genau wüsste. Die nächsten Wochen werden auf jeden Fall extrem spannend. Um für mich selbst den Prozess klarer zu machen, werde ich hier meine Gedanken sammeln und festhalten.

Zum Start gibt es erstmal ein Zitat von Alexandra Maria Lara aus der aktuellen Galore:

27 ist ein super Alter, um damit anzufangen, nur noch das zu machen, was man möchte.