Johannes Kleske

Zukünfte verstehen und gestalten

Kategorie: Vision und Berufung

  • Being Spaces: Arbeitsräume für die digitale Bohème

    Nachdem ich neulich über den Artikel von WebWorkerDaily zu dem erhofften Trend von neuen, öffentlichen Arbeitsplätzen für WebWorker gestolpert bin, beschäftigt mich das Thema wieder wie früher, als meine Vision noch nicht von großen Businessgedanken verschüttet war.

    Vom der Entwicklung her, gerade wenn man sich Dinge wie die digitale Bohème ansieht, scheint nun auch der passende Zeitpunkt gekommen, ein solches Projekt von der Vision in die reelle Planung übergehen zu lassen.

    Das Problem

    Cafes sind derzeit die beliebtesten Arbeitsplätze von mobilen Webworkern nach dem Schreibtisch in den eigenen vier Wänden. Der große Vorteil ist, dass man zuhause raus kommt, unter Leuten ist und einen entspannten Ort für Treffen hat. Arbeiten im Café bringt aber auch so einige Schwierigkeiten mit sich. Von vielen Cafebetreibern wird man immer noch als Störenfried bzw. WLAN-Schmarotzer betrachten, Steckdosen sind in der Regel nur unzureichend vorhanden und was macht man mit dem Geschäftspartner, dem man auch mal eine Präsentation vorführen will? Noch schwieriger ist es für Väter und Mütter, deren Kinder (noch) nicht in einer Tagesstätte untergebracht sind.

    Die Idee

    Man schafft neue Arbeitsräume, die komplett auf die Bedürfnisse der neuen WebWorker ausgerichtet sind. Sitzplätze sind mehr von einander abgegrenzt, um mehr Privatsphäre zu ermöglichen. Man zahlt nicht für die konsumierten Getränke, sondern mietet einen Platz stunden- oder tageweise. Jeder Platz ist mit Internet und Steckdosen ausgestattet. Es gibt separate Konferenzräume mit voller Technikausstattung. Anschluss an ein Café macht durchaus Sinn, um auch mal entspannen bzw. zumittag essen zu können. Optional gibt es eine Möglichkeit der Kinderbetreuung.

    Übersicht – Was schon geht (in NY)

    Hier sind verschiedene Projekte, die das ganze schon kommerziell oder nicht-kommerziell umsetzen:

    • Hat Factory ist eine nicht-kommerzielle Gemeinschaft von WebWorkern in San Franzisko, die eine alte Hutfabrik als Büroraum ausgebaut haben. Auf der Seite gibt es einen Videorundgang. Mehr zur Hat Factory bei WebWorkerDaily.
    • paragraph ist speziell auf Autoren, Schriftsteller, Texter und sonstige Schreiber ausgerichtet. Wie die meisten dieser neuen Arbeitsräume ist paragraph in New York angesiedelt. Als Mitglied bekommt man einen Code für die Eingangstür und kann dann dort zu jeder Tages- und Nachtzeit in einer der Arbeitszellen schreiben. Es gibt eine Küche und eine Lounge mit Bibliothek.
    • Auch The Village Quill richtet sich speziell an Schriftsteller und bietet dazu eigene Workshops und Lesungen an.
    • Two Rooms hat sich speziell auf WebWorker mit Kids ausgerichtet. Ein Raum für die Erwachsenen, einer für die Kids. Allerdings sieht es gerade so aus als hätte das Ding zugemacht.
    • The Coffee Office bietet neben Arbeitsplätzen vor allem eine sehr angenehme Atmosphäre und Premiumdienste wie mietbare Briefkästen und einen Konferenzraum für Videokonferenzen.
    • The Office in Santa Monica, Kalifornien bietet neben vielen Plätzen mit T1-Internetzugang auch Bose-Kopfhörer, um sich komplett abzuschotten.

    Der Trend: Being Spaces

    Auch Springwise hat schon ausführlich über den Trend berichtet und ihm einen Namen gegeben: Being Spaces:

    With face-to-face communication being rapidly replaced by email and chat, goods and services being purchased online, and big city apartments shrinking year by year, urban dwellers are trading their lonely, cramped living rooms for the real-life buzz of BEING SPACES: commercial living-room-like settings, where catering and entertainment aren’t just the main attraction, but are there to facilitate small office/living room activities like watching a movie, reading a book, meeting friends and colleagues, or doing your admin.

    Die Coworking-Community

    Unter dem Label ‚Coworking‘ gibt es inzwischen eine internationale Community, die sich der Arbeitsräume für WebWorker annimmt. Es gibt bereits ein Wiki mit vielen Links zu lokalen Gruppen, eine Coworking Google Group und ein Blog.

  • Alte Brunnen

    Web Worker Daily » Seven Web Worker Wishes for 2007 «:

    Wish 7: Starbucks introduces a chain of coworking cafes. Instead of jazzy music, customers would hear white-noise style nature sounds like waterfalls or babbling brooks. Wifi would be free, once you joined the coworking club for a reasonable yearly membership fee. Each coworking cafe would include rentable conference and napping rooms–even the most motivated web workers need a rest now and then. Customers could rent the use of large flat-panel displays for an hourly or daily fee. Personal coaches, massage therapists, and tech support specialists could offer appointments to soothe any career, body, or computer problems that arise while coworking. Bonus: a soundproof childcare room would keep the kids busy while Mom and Dad get their work done.

    Hola, das triggert bei mir gerade massiv die alte Vision im neuen Gewand. Mehr dazu im neuen Jahr.

  • Personen vs. Projekte

    Mit der entscheidende Grund, warum ich mich für die Selbstständigkeit entschieden habe hat mit Projekten zu tun. Ich denke ziemlich projektorientiert. Ich arbeite gerne an verschiedenen Dingen gleichzeitig und habe teilweise sehr unterschiedliche Interessen, denen ich mit verschiedenen Projekten gleichzeitig nachgehen kann. Hätte ich mich für einen Arbeitgeber entschieden, hätte ich mich, was meine Arbeitszeit angeht, für einen Bereich entscheiden müssen. Das wäre mir wohl sehr schnell langweilig geworden.

    So der Stand in meinem Kopf im März. Inzwischen ist ein bisschen Zeit ins Land gezogen, ich habe ein paar Monate Erfahrung und die Gedanken etwas weiter gesponnen. Vor allem aber habe ich neue Leute kennengelernt und alte Bekanntschaften vertieft. Ich habe ein paar Monate mehr mit meinen Kubik-Freunden gelebt und all das hat dazu geführt, dass mir inzwischen Personen in meiner Arbeit wichtiger sind als Projekte. D.h. mir kommt es nicht mehr in erster Linie darauf an, spannende Projekte zu machen, sondern mit den richtigen Leuten zusammen zu arbeiten. Die Projekte treten dahinter zurück. Wenn ich also mit den richtigen Leuten zusammenarbeiten kann, mache ich auch gerne Dinge, die ich an sich jetzt nicht so spannend finde.

    Diese Erkenntnis hat dafür gesorgt, dass ich anders an neue Dinge herangehe. Ich frage mich nicht mehr „Was will ich machen?° und suche mir dann dafür die passenden Leute. Vielmehr hocke ich mich mit Leuten zusammen und überlege, was man gemeinsam machen könnte.

    Bsp: Im Februar habe ich auf der Web-Apps-Konferenz in London einen Typ getroffen, der eine Agentur in Köln hat. Irgendwie hat es sofort gepasst. Manchmal trifft man so Leute, denen man nichts erklären muss, von dem was einen gerade beschäftigt. Sie lesen das gleiche, denken über das gleiche nach und sind zwischenmenschlich auf der gleichen Wellenlänge. Es hat „gefunkt“. Vor ein paar Wochen habe ich ihn besucht mit der Prämisse „Mir ist egal was, aber lass uns irgendwas zusammen machen.“ Und das wird nun passieren. Genaueres gibt’s später. Es wird jedenfalls mehr als nur ein weiteres Projekt.

    Diese Methode mag vielleicht nicht die effektivste für eine steile Karriere sein. Aber das ich daran kein Interesse habe, müsste ja inzwischen durchgedrungen sein. Ich merke einfach, dass es mich erfüllt und inspiriert mit bestimmten Menschen zusammenzuarbeiten. Und darum geht’s doch im Leben und beim arbeiten.

  • Suche Mentoren und Business-Freunde

    Eines habe ich in den letzten zwei Monaten gemerkt und nach dem Lesen von 10 Stupid Mistakes Made by the Newly Self-Employed (via Martin Röll) ist es mir noch mal klar geworden: Ich bin extrem naiv in das ganze Businessding gestartet. Mir fehlt massiv Erfahrung in der Businesswelt und selbst in meinen Fachgebieten habe ich zwar viel Wissen aber wenig Erfahrung. Bücher helfen kaum. Die meisten sind so allgemein gehalten, dass sie im Alltag nur schwer anwendbar sind. Mit Abstand am meisten haben mir bisher die Tipps von Markus und Marco geholfen. Ich brauche mehr davon. Das Web mit den interessanten Blogs ist schon eine große Hilfe, weil die Autoren hier nicht für ein breites Buchpublikum schreiben sondern mehr praktisches weitergeben.

    Aber ich merke, dass ich gerne noch mehr hätte. Zum einen suche ich Mentoren, mit denen ich bestimmte Aspekte regelmäßig durchsprechen kann. Ich würde halt wirklich gerne mal wissen, was um alles in der Welt ich für meine verschiedenen Tätigkeiten verlangen kann usw. Allgemeiner geht es mir vor allem darum, das Profil meines Unternehmens zu formen. Was sind meine Kernkompetenzen, worauf sollte ich mich konzentrieren, wie plane ich Meilensteine, wie entwickle ich Geschäftsbeziehungen, wie verkaufe ich mich, in welche Richtung soll ich das ganze Ding steuern? Und wie es sich für gute Mentoren gehört, geht es mir weniger um die Antworten als um die richtigen Fragen. Hey, und wie ich bereits früher gesagt habe, vergesst High Potentials Förderung und so ein bla. Hier geht’s zuerst um mein Leben, nicht um den Nachwuchs für deine Firma.

    Daneben suche ich auch nach Leuten, die in dem gleichen Ding drinstecken. Warum sollte ich den hier für mich alleine kämpfen, wenn es noch andere gibt, von deren Erfahrungen ich lernen kann und sie von meinen. Networking, alta. Das ist doch der heiße Scheiß. Aber mir geht’s dabei weniger um Businessbeziehungen als um Freundschaften. Ich habe kein Interesse an Leuten, die nur Kontakt aufnehmen, um mögliche Zusammenarbeiten zu checken und dann wieder weg sind. Also, wenn du dich irgendwie in diesem Webding bewegst und versuchst, deine Kompetenzen so einzusetzen, dass du Arbeit machst, die dich ausfüllt und daneben noch für einen gefüllten Kühlschrank sorgt, nimm Kontakt auf. Lass uns mal einen Kaffee trinken gehen…

  • Wofür arbeite ich?

    Ich frage mich gerade viel, was ich eigentlich will, gerade mit dem ganzen Businesszeug usw. Wieviel will ich Geld verdienen, wieviel Zeug machen, das mich flasht, wieviel Leute supporten usw.? Alles nicht so leicht zu greifen und zu formulieren. Aber manchmal lese ich dann Dinge wie die nachfolgenden und fühle mich mit meinen Gedanken nicht allein auf der Welt.

    Dave Rosen in Getting Happier, Step 1: Don’t dance with the money devil

    […]Since the dawn of time people would work for survival or food – things much more real than money. When progress and industry brought rapid change the world became material and money represented everything. Pavlov trained a dog to drool by the sound of a bell rather than from getting food. People were trained to drool by the color of money rather than being happy. I lived for sometime in China where money was out of the equation and was amazed by the enormous focus on family and community that seems to be missing in the west.That’s why recently when I was offered a job with the 2nd biggest company in the world I said no. The pay was just ridiculous high. It was located in a massive complex where they had their own restaurants and gym. They were even using cutting edge technology. But at the end of the day the main reason I would be doing it was for the money. Life is just too short for that.

    However when 37signals wanted Futuretrack5 to work on a project for them it was the reverse. I insisted no payment because if we began building the project because we were getting paid, there would be no heart and the passion would go.[…]

  • Offiziell

    Seit heute morgen bin ich nun offiziell selbstständig. Damit kann das Abenteuer beginnen. Derzeit sieht es für den Start gar nicht mal so schlecht aus. Meine kleine Deutschlandtour hat sich bisher sehr bezahlt gemacht. München war super. Ich werde für das Holtzbrinck eLab an superspannenden Webprojekten arbeiten. Das ist genau die Form von Job, die ich mir wünsche: Web-2.0- und Social-Software-Projekte auf freier Basis entwickeln.

    Nächste Woche geht es erstmal auf die CeBIT, wo ich Carsten an seinem Stand über iverse unterstützen werde (tautoko halt). Von dort aus geht’s weiter nach München für den ersten Job im eLab.

    Und seit heute morgen bin ich nun auch offiziell Bürger von Karlsruhe…

  • Zwei Seelen

    Einer der Hauptgründe für meine Entscheidung zur Selbstständigkeit ist die Angst, bei einem vollen Job in der Webbranche völlig in Konzeption, Meetings und Ajax-Diskussionen unterzugehen und dabei sinnvolle Ziele und das Ausüben der Tätigkeiten, die mich ausfüllen komplett zu vernachlässigen. Die eigentliche Angst ist aber, dass dies schleichend passiert, weil ich mich an den Lebensstil gewöhne und ihn sogar genieße.

    Es gibt da so einen Teil in mir, der hat Bock nur noch in Buzzwords zu reden, „kreative“ Meetings im Starbucks zu haben, mit nem schicken Notebook durch die Welt zu jetten und ständig am Handy wichtige Gespräche mit Kunden über Deadlines für superwichtige Projekte zu führen. Dieser Teil hätte die Hochzeit der New Economy geliebt und würde jetzt gerne einen Milchkaffee (sorry, Galáo) auf der Schanze trinken, während er diese Zeilen in sein MacBook Pro tippt. Und ich finde das nicht mal schlimm. Ich kann jeden verstehen, der das lebt. Nur stellt ein anderer Teil in mir dann schnell die unbequemen Fragen. Soll das der Sinn deines Lebens sein? Rettet Web 2.0 Menschenleben? Muss ich jede neue Social Software testen, während Kinder in Asien meine nächsten Sneaker fertigen, die zu meinem Hipster-Lifestyle pflichtgemäß dazu gehören?

    Die richtige Position liegt wohl irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Polen. Meine Selbstständigkeit erlaubt mir, zumindest hoffe ich das, selbst zu bestimmen, wohin ich mich bewege und gegebenenfalls gegenzusteuern. Wie auch immer …

    Jedenfalls habe ich richtig Bock auf spannende Webprojekte, bei denen es nicht nur um Werbung und plumpe Promotion geht. Zum Beispiel arbeite ich mit Denis gerade an einem neuen Webauftritt für die Art Academy in London. Das sind richtig coole Leute dort, denen es vor allem um ihr Handwerk und die Kunst geht. Die sind jung und offen für neue Ideen. So macht das für mich Sinn.

    Dieses Austarieren zwischen den beiden Polen  beschäftigt mich gerade besonders, weil ich mich halt frage, wie ich mich verkaufen soll. Präsentiere ich mich als Web-2.0-Experten, der in Webdiensten und Plattformen zu hause ist und als idealer Berater für Social-Web-Projekte, der eigentlich nur nach der richtigen Idee sucht, um von Yahoo gekauft zu werden?

    Oder versuch ich’s superehrlich und stelle mich als Berufseinsteiger ohne Karriereambitionen mit kaum Erfahrung und nem zufällig gelungenen Abschluss dar, der was über Web 2.0 geschrieben hat, der aber auch über nen FairTrade-Streetwear-Label/Shop/Mailorder nachdenkt, der nicht aus Karlsruhe weg will, weil er hier das Umfeld und die Freunde hat, mit denen er den heißen Scheiß realisieren will und der einfach nur tausend Projekte machen möchte, die ihm Spaß machen und Erfüllung bringen, ohne schon genau zu wissen, wo das endet.

    Also, liebe Firmen, ihr braucht nen Typen, mit dem ihr frische Konzepte für Webprojekte jeder Art entwickeln könnt, die vorwiegend außerhalb der gewohnten Schienen laufen sollen, aber auch gerne Kohle einbringen können? Ihr denkt projektorientiert und nicht in Vollzeit-Festanstellungen? Dann bin ich euer Mann, das Frischfleisch von der Hochschule mit einem Rest von Idealen und ungeschliffenen Perspektiven. Und wenn das Projekt geil ist, schiebe ich sogar gerne Nachtschichten.

    Wenn ihr aber „Young Talents“, „Future Leaders“, „zukünftige Führungskräfte“ oder „Experten mit Leidenschaft“ für eure Karriereförderungsprogramme sucht, die euch die nächste e-Commerce-Plattform bauen, einen Arbeitsplatz auf eurem fancy „Campus“ und eine 100%-Festanstellung bekommen, aber 150% arbeiten sollen, dann spart euch die E-Mail.

    Mal sehen, wann ich mir für diese Aussage ins Knie beiße…

    Randnotiz: Wie alles in diesem Blog ist auch dieser Text aus dramaturgischen Gründen völlig übertrieben und dient vor allem dazu, dass ich meine Gedanken mal formuliert bekomme, wobei die Realität viel komplexer ist. Aber die wird sich auch nie in einem Blogtext wiedergeben lassen.