Veränderungen Teil 6 – Entscheidungsfaktoren

Nun bin ich also an dem Punkt angekommen, wo ich für mich grundlegend herausgearbeitet habe, welche Tätigkeiten ich in den nächsten Monaten und Jahren ausüben möchte, um näher an meine Berufungen und Begabungen heranzukommen. Bevor es aber zur konkreten Umsetzung kommt, müssen noch einige Faktoren betrachtet werden.

Planung vs. Richtung

Ich glaube nicht wirklich an solche Planungstools wie 5-Jahres-Pläne, weil in der Regel mein Leben viel spannender abläuft, als ich es mit diesen Hilfsmitteln planen kann. Überraschungen passieren ständig und kürzen Wege deutlich ab. Dazu kommt, dass ich mich durch all die Themen, mit denen ich mich beschäftige, ich mich ständig verändere. Einige von euch kennen sicher die Vision, in der ich mal aufgeschrieben habe, wie ich mir mein Leben mit 30 vorstelle. Vieles von dem, was ich da gedacht habe, würde ich heute, zwei Jahre bevor ich 30 werde, nicht mehr so schreiben, weil sich meine Sicht der Dinge verändert hat. Trotzdem kann man fast alles, was ich zum Thema Berufungen in dieser Serie geschrieben habe, in der Vision wiederfinden. Das zeigt mir, dass es grundsätzliche Richtungen in meinem Leben gibt, die sich kaum verändern. Nur die konkreten Wege, die ich gehe, um in dieser Richtung zu bleiben, passen sich ständig an. Deshalb nutze ich die Aufstellung der Tätigkeiten, die ich ausüben möchte, um die grundlegende Richtung festzulegen, in die es die nächsten Jahre geht. Sie dient mir als Hilfe, wann immer ich mich an einer Weggablung entscheiden muss.

Sicherheit vs. Berufung

Ein weiterer Faktor spielt bei der Entscheidungsfindung eine Rolle, die Geldfrage. Manches bringt mehr Geld, manches weniger. Ich habe mich für die nächste Phase meines (Arbeits-)Lebens dafür entschieden, in der Regel immer den Weg zu gehen, der mich näher zu meinen Berufung bringt, auch wenn das bedeutet, finanziell schlechter dazustehen. Für mich ist Geld derzeit der unwichtigere Faktor. Ich liege lieber nachts da und frage mich, wie ich die Miete bezahlen soll, als mich tagsüber durch einen gut-bezahlten Job zu schleppen, der mich nicht ausfüllt. Gerade weil ich derzeit keine familiären Verpflichtungen habe möchte ich die Situation nutzen. Der erste Schritt war eine günstigere Wohnung. Nun gilt es auch den Rest meines Lebensstil nach Einsparpotentialen zu durchforschen.

Geld bietet vor allem Sicherheit und ich mag Sicherheit. Aber als ich mich dafür entschied mich selbstständig zu machen, war dies auch eine bewusste Entscheidung gegen die Sicherheit. Sicherheit ist eine zweischneidige Sache. Auf der einen Seite macht sie unser Leben entspannter und gibt uns Ruhe. Sie kann uns helfen, uns auf die wichtigen Sachen zu konzentrieren. Auf der anderen Seite kann Sicherheit uns auch einlullen. Wenn „die Schäfchen im Trockenen sind“ brauche ich auch nicht mehr mein bestes zu geben. Ich bin so jemand, der auf Pflichterfüllung schalten würde, wenn er wüsste das jeden Monat zum ersten pünktlich das Gehalt auf dem Konto ist.
Keine Frage, fehlende Sicherheit kann auch lähmen bzw. alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das alles ist vor allem eine Typfrage. Für manchen kann es durchaus sein, dass er kreativ erst richtig auffahren kann, wenn er weiß, dass für Mann/Frau und Kind gesorgt ist.

Allein vs. Netzwerk

Im ersten Jahr meiner Selbstständigkeit habe ich vor allem als Einzelperson gearbeitet. Ich habe meine Dienste verschiedenen Agenturen angeboten und dort zwar durchaus im Team gearbeitet, in der Regel dann aber doch eher für mich. Eine Ausnahme waren die verschiedenen kleinen Webprojekte, die ich zusammen mit Denis durchgeführt habe. Dabei fiel mir auf, wie gut es mir tut, wenn ich zwar selbstständig arbeite, aber jemanden habe, mit dem ich Projekte durchsprechen und gemeinsam angehen kann. Für mich ist die beste Arbeitsform das Netzwerk. Es ist für mich das neue Gegenmodell zur Agentur, das in den nächsten Jahren massiv an Bedeutung gewinnen wird.

Ein Netzwerk kann aus einer beliebigen Anzahl von lose miteinander verknüpften Selbstständigen bestehen, die je nach Projekt und Auftrag zusammenfinden, um gemeinsam zu arbeiten. Niemand muss um neun Uhr irgendwo erscheinen, es braucht kein Verwaltungspersonal, kein Firmengebäude und jeder ist flexibel, an Projekten teilzunehmen oder nicht. Deshalb habe ich mich entschieden, meine Arbeit viel mehr im Netzwerk mit anderen auszuführen als wie bisher in Agenturen oder allein. Eine wichtige Aufgabe der nächsten Wochen und Monate wird deshalb sein, mich nach passenden Mitstreitern umzuschauen und zu sehen, wie man Ideen und Projekte zusammenbringen kann.

mehr Gedanken zur Veränderungen-Serie

  • Ich höre immer wieder Kommentare wie „Du krempelst dein ganzes Leben um.“ oder „Ganz schön krasse Veränderungen“. Für mich fühlt sich das gar nicht so an. Ja, ich ändere einige grundsätzliche Richtungen, in die ich gehe. Aber größere Änderungen sind mir noch nie schwer gefallen. In der Regel passieren sie, wenn ein längerer Prozess aus meinem Hinterkopf an die Oberfläche tritt. Ich vermute, dass es sich für mein Umfeld und meine Leser nach einer sehr fundamentalen Veränderung anfühlt, weil ich zum ersten Mal so ausführlich über eine Veränderung schreibe. Es gibt aber immer noch genug Dinge in meinem Leben, die sich nicht verändern. Ich bleibe in Karlsruhe, ich bleibe bei Kubik, ich arbeite weiter hauptsächlich im Web. Ich versuche konstant mein Leben besser daran anzupassen, wie ich denke, dass ich funktioniere und es für mich am besten passt. Das ist ein Prozess und keine plötzliche Entscheidung.
  • Man könnte mich missverstehen, dass ich nur noch das arbeiten möchte, wozu ich Lust habe. Dem ist nicht so. Für mich gibt es einen großen Unterschied zwischen Arbeit, wozu ich Lust habe und Arbeit, die mich ausfüllt bzw. die mit meinen Begabungen und Berufungen im Einklang steht. Lust ist etwas sehr situationsbedingtes. Mal ist sie da, mal nicht und sie wechselt ständig ihre Bedürfnisse. Würde ich nach dem Lustprinzip arbeiten, würde mein Alltag wahrscheinlich so aussehen, wie sich viele Angestellten den Arbeitstag eines Selbstständigen vorstellen: Ewig im Bett faulenzen, vom Bett zum Fernseher, vom Fernseher zum Computer und ein bisschen spielen, zwischendurch mal ein bisschen Kundenarbeit, dann erstmal in ein Café setzen und dann noch mal ein bisschen in Photoshop basteln, bevor man mit seinen Kumpels die Nacht durchfeiert. Ich stehe morgens zwischen sechs und sieben auf, dusche, ziehe mich ordentlich an, frühstücke und setze mich dann zwei Stunden an den Rechner, um zu schreiben. Danach geht’s zu einem meiner Internet-Asyle, wo ich bis abends an verschiedenen Web-Projekten arbeite. Zwischendurch treffe ich mich mit Leuten oder gehe einkaufen. Abends wird in der Regel gechillt, bevor es relativ früh ins Bett geht, damit ich morgens wieder fit bin. So sieht derzeit mein Alltag aus. Ich würde wirklich gerne länger schlafen oder mehr chillen oder im NUN nicht ständig hinter meinem Notebook hängen. Aber wenn ich meine Arbeit hinbekommen möchte, muss ich mich selbst disziplinieren, weil es kein Chef oder Firmenalltag für mich machen wird. Das alles hat wenig damit zu tun, nur das zu arbeiten, wozu ich Lust habe. Es hat aber damit zu tun, dass mir die Disziplin hilft, die Arbeit zu tun, die mich ausfüllt.
  • Ein Freund hat mich gefragt, ob ich denke, dass es in unsrer Gesellschaft möglich wäre, dass jeder nur die Arbeit verrichtet, die er gerne tun möchte. Für mich fängt das Problem schon da an, dass wir in der Regel gar nicht genau wissen, was wir gerne tun würden, wenn wir alle Freiheit hätten. Wir werden vom Elternhaus, der Schule und der Uni darauf getrimmt, in dieser Arbeitswelt zu funktionieren. Wir lassen uns so lange schleifen, bis wir reinpassen, und bei diesem Prozess verlernen wir zu erkennen, was wir tatsächlich gerne machen. Ich habe schon einmal geschrieben, dass das Buch ‚Wir nennen es Arbeit‘ auch deshalb für mich so wichtig ist, weil es einfach nur mal eine Alternative zum akzeptierten Standard darstellt, selbst wenn die Alternative beileibe nicht für jeden das richtige ist. Neulich habe ich mich mit meinem Bruder über die Gedanken der Politik zum Bürgergeld unterhalten. Die Idee dabei ist, dass jeder Bürger ein festes Grundeinkommen erhält, völlig unabhängig davon, ob er arbeitet oder nicht. Jeder, der davon hört, denkt sofort „Dann werden sich 50 – 80% den ganzen Tag nur noch vor den Fernseher setzen.“ Wahrscheinlich stimmt das. Aber das liegt doch nicht daran, dass der Fernseher die Lieblingsbeschäftigung der meisten in unsrer Gesellschaft ist. Das liegt doch eher daran, dass wir nie gelernt haben für uns herauszuarbeiten, wo wirklich unsere Stärken, Begabungen und Berufungen sind. Ich zweifle an dem Erfolg des Bürgergelds, weil damit es funktioniert, wir eine viel fundamentalere Veränderungen unsrer Gesellschaft brauchen als nur einen Neuanfang des Sozialsystems. Unser komplettes Verständnis von Arbeit und Selbstverwirklichung müsste überarbeitet werden, was grundsätzliche Veränderungen z.B. des Ausbildungssystems mit sich bringen würde. Bevor so etwas in Deutschland passiert, müssten wir erst aus unser ängstlichen Haut raus.
  • Auch wenn ich mit Agenturen allgemein scharf ins Gericht gegangen bin, so möchte ich doch noch mal klarstellen, dass es für mich nicht heißt, dass ich nie mehr für eine Agentur arbeiten werde. Ich denke, ich habe in dem Artikel klar gemacht, wo für mich die Knackpunkte liegen, die mir die Zusammenarbeit schwer machen. Aber auch in der Agenturenlandschaft gibt es erfreuliche Ausnahmen und fähige Menschen, die außerhalb der bekannten Box denken. Für solche Agenturen arbeite ich natürlich gerne. Leider habe ich noch nicht viele von denen kennengelernt. Das gilt übrigens auch für meine Arbeit als Konzepter, um den Gedanken aus dem Artikel noch einmal aufzugreifen und zu unterstreichen. Ich halte mich nicht für völlig unfähig als Konzepter und denke durchaus, dass mir die Arbeit Spaß macht. Was mir den Spaß versaut sind 10-Stunden-Tage in kahlen Büroräumen mit eisernen Verantwortungshierarchien, um Reisebüro XY ein niedliches Weihnachtsgewinnspiel mit Flashvideo zu zaubern. Ich freue mich ja, dass der Web-2.0-Hype wieder für ordentlich Aufträge bei den Agenturen sorgt. Aber ich mag mich nicht für den Hype und ein gefülltes Konto opfern.

Veränderungen Teil 5 – natürliche Tätigkeiten

Nachdem ich mich von fast allem verabschiedet habe, was ich im letzten Jahr gemacht habe, wurde es Zeit nach vorne zu sehen und zu überlegen, wie ich in Zukunft mein Arbeitsleben gestalten und wie ich meine Miete bezahlen will. Dabei steht noch mehr als zuvor die Arbeit im Vordergrund, die mir leicht fällt und die sich natürlich für mich anfühlt. Dazu galt es, noch einmal zurückzublicken und mich zu fragen, ob es nicht Tätigkeiten gibt, die ich ständig tue, ohne dass sie mir zur besonders zur Last fallen, weil ich sie ganz natürlich ausführe. Ich meine die Tätigkeiten, über die ich nicht lange nachdenke und einfach mache. Dabei stellt sich auch immer die Frage, wie diese Tätigkeiten im Einklang mit meinen Berufungen und Begabungen stehen.

Tätigkeit: Helfen

Schon beim Thema Berufung habe ich geschrieben, dass ich gerne Menschen helfe. Allerdings kam es dort etwas einseitig rüber, so als würde ich am liebsten als eine Art PC-Notdienst arbeiten. Um es nochmals deutlich zu machen, mir geht es darum, dass Menschen Technologie und Medien nutzen können, um ihre Arbeit zu machen, ihr Können einzusetzen und ihre Berufung zu leben. Ihnen dabei zu helfen ist mein Ziel und das kann sehr unterschiedlich aussehen. Für den einen bedeutet das, den Rechner einzurichten und ihm bei den ersten Schritten zu helfen. Für einen anderen kann das eine kleine Webseite sein, die ich ihm entwickle und helfe in Betrieb zu nehmen. Ich löse einfach gerne die Probleme von Leuten, sofern sie sich mit aktueller Medientechnik lösen lassen.

Dabei kommen in der Regel Helfen und Lehren als Berufungen zusammen. Zunächst helfe ich, ein Problem oder eine Aufgabe zu lösen und dann versuche ich mich überflüssig zu machen, indem ich der Person beibringe, wie sie das Problem vermeidet oder die Lösung einsetzt.

Tätigkeit: Beraten

Diese Tätigkeit des Helfens bündelt sich häufig mit meinem Interesse für alles neue. Ich werde ständig mit Fragen bombardiert ala „Kennst du ein Programm, das das und das kann?“, „Welches Handy funktioniert am besten mit meinem MacBook?“, „Welche Tools gibt es für GTD unter Windows?“ usw. Es geht dabei mehr um Beratung als um Reparatur. Meine Freunde und Blogleser fragen mich das, weil sie wissen, dass ich mich ständig mit diesen Themen beschäftige und nach neuen Dingen Ausschau halte.

Meine Beratertätigkeiten gehen ebenfalls über reine Technologiefragen hinaus, weil meine Interessen auch breiter gestreut sind. Ich unterhalte mich z.B. genauso gern mit Leuten über die Umsetzung von GTD oder anderer Produktivitätsideen. Ich philosophiere häufig über neue Kirchenformen, moderne Klöster und postmoderne Theologie. Ich interessiere mich für Streetart, Streetwear und sonstige Streetculture. Soziologie, Graswurzeljournalismus und Musik gehören ebenfalls zu meinen Interessengebieten. Gerade durch diese sehr vielfältige Mischung kann ich Dinge miteinander in Verbindungen bringen, die sonst nichts miteinander zu tun haben. So habe ich z.B. durch meine parallele Beschäftigung mit Web 2.0 und Emerging Churches schon einige Aspekte feststellen können, wo das eine vom anderen profitieren kann.

Mein Mehrwert ist die Vielfalt meiner Interessen, die ich viel mehr als zuvor einsetzen und Menschen zur Verfügung stellen will. Hier spielt vor allem mein Wunsch Horizonte zu erweitern rein. Menschen kommen häufig über ein Interessengebiet zu mir. Aber dann kann ich ihnen den Blick für ein anderes öffnen, von dem sie ebenfalls profitieren können. Auch hier spielt meine Berufung zum Lehren eine wichtige Rolle.

Tätigkeit: Forschen

Forschen als eine natürliche Tätigkeit für mich habe ich erst mit meiner Diplomarbeit entdeckt, was wohl daran liegt, dass das in meinem Studium die einzige wissenschaftliche Arbeit ist, die leider bei vielen Diplomanden meines Studiengangs nicht mal wirklich wissenschaftlich ist.

Jedenfalls fing ich während meiner Diplomarbeit an, bestimmte Sachverhalte und Zusammenhänge zu entdecken, die mich faszinierten und die ich so vorher noch nirgendwo anders gelesen hatte. Es machte mir Spaß, hinter Dinge zu blicken und sie in einem breiteren Zusammenhang zu betrachten. Auch hier spielte mein Interesse für neue und sehr verschiedene Gebiete eine große Rolle, weil ich dadurch neue Aspekte in meine Diplomarbeit einfließen lassen konnte.

Eine der besten Zeiten meines bisherigen Lebens hatte ich in den 50 letzten Tagen meiner Diplomarbeit, als ich das ganze zu Papier brachte. Und zu Papier bringen heißt bei mir, dass es sich alles noch einmal deutlich weiterentwickelt, während ich schreibe. Wie ich neulich schon mal erwähnt habe, bin ich immer wieder verblüfft, was ich damals produziert habe, weil ich mir gar nicht bewusst war, was da in mir steckte. In diesen Tagen vor knapp einem Jahr war ich unheimlich produktiv, weil mich die Thematik fasziniert hat. Leider lag diese Tätigkeit nachdem ich die Diplomarbeit beendet hatte, komplett brach.

Weniger Produktion, mehr Bericht

Nachdem ich diese Tätigkeit formuliert hatte, die ich ganz natürlich ausführe, ohne mir viel dabei zu denken, wurde mir folgendes klar: Wenn ich ungezwungen machen kann, was ich will, arbeite ich viel mehr auf der Metaebene bzw. sammle, verknüpfe und vermittle Informationen als dass ich neue Dinge erstelle. Das auffällige dabei ist, dass ich in meiner Tätigkeit als Projektmanager und Konzepter immer darauf ausgerichtet war, neues zu schaffen und innovative Produkte zu erstellen. In meiner „Freizeit“ dagegen habe ich mich fast ausschließlich mit Produkten von anderen beschäftigt, diese ausprobiert, analysiert und anderen von ihnen erzählt.

Ich denke, dass diese Diskrepanz eine ganz große Rolle dabei spielt, warum ich im letzten Jahr mit meiner Arbeit nicht zufrieden war. Ich war auf der falschen Ebene. Und so lässt sich der Inhalt dieser Veränderungen-Serie leicht auf ein neues Motto zusammenfassen: Weniger Produktion, mehr Bericht.

Veränderungen Teil 4 – Viele Abschiede

Nachdem mir klar wurde, dass das meiste, was ich in meinem ersten Jahr der Selbstständigkeit getan hatte, nicht gerade nahe an meinen Berufungen und Talenten lag, galt es die Chance der Situation zu nutzen und einige größere Veränderungen in der Ausrichtung meines Arbeitslebens vorzunehmen. Dazu musste ich mich zunächst von einigen Dingen verabschieden, die mein bisheriges Arbeiten bestimmt hatten.

Projektmanager adé

Von meiner Berufung Menschen zu helfen her hatte ich für mich die Position des Projektmanagers so definiert, dass er jemand ist, der seinen Kreativen den Rücken frei hält, damit sie ihre Arbeit machen können, während er sich um den Rest des Projekts, den Verwaltungskram und die Anfragen von außen kümmert. Diese Definition hat für mich in der Realität nicht funktioniert, weil in der Regel ein Projektmanager immer noch in einer leitenden Position gesehen wird. Sowohl managen als auch leiten sind beides Dinge, die mir nicht liegen. Mir fehlt einfach das Talent dazu. Ich bin nicht gut darin, viel rumzutelefonieren und ein Projekt durchzuplanen. Ich kann nicht gut moderieren und lasse mich eher herumschubsen als eine Meinung zu verteidigen.

Damit ich produktiv in einem Job arbeiten kann, muss mehr zusammenkommen als eine vorhandene Berufung und viele geforderte Talente, die ich nicht habe. Ich kann mich nicht gut selbst disziplinieren. Damit ich etwas geschafft bekomme, muss die Motivation von allein kommen. Es darf sich nicht wie Arbeit anfühlen. Fast jede größere Aufgabe braucht am Anfang Überwindung. Aber wenn ich mal begonnen habe, muss es für mich wie von selbst gehen, damit ich dran bleibe, wie z.b. bei Blogartikeln. Ich muss mich jeden Morgen überwinden, tatsächlich anzufangen. Aber sobald der erste Absatz geschrieben ist läuft es und es fällt mir leicht so wie heute über 1000 Worte pro Tag zu schreiben. Für solche Arbeit, die mir liegt bzw. die meinen Talenten liegt, brauche ich nur Disziplin zum Anfangen. Für Projektmanagement dagegen brauche ich Disziplin, um die Arbeit durchzuziehen. Wie häufig habe ich auf die Uhr gesehen und gedacht „Ok, das hier machst du jetzt noch für eine halbe Stunden und dann machst du erstmal wieder eine Pause.“ Wahrscheinlich gehört diese Form der Arbeit zum Leben dazu und lässt sich niemals vermeiden. Aber immerhin habe ich mich ja selbstständig gemacht, um so nah wie möglich an meine eigenen Vorstellungen von Arbeit und Beruf heranzukommen. Deswegen wurde es nach diesen Erkenntnissen Zeit Projektmanagement aus meinem Profil zu streichen.

Konzepter adé

Als ich schon dabei war, sehr ehrlich zu überlegen, wo meine Talente liegen und insbesondere auch wo sie nicht liegen, kam auch meine Arbeit als Konzepter auf den Prüfstand. Der Job Konzepter ist noch viel frischer als der des Projektmanagers und deshalb auch noch weniger definiert und etabliert. Klar ist im Moment nur, wie sehr Konzepter gebraucht werden, was die zahlreichen Jobangebote im letzten Jahr mehr als deutlich machen.

Nach meinem Verständnis ist ein Konzepter jemand, der eine grobe Idee in ein innovatives, umfangreiches und detailliertes Konzept umwandelt, dass direkt an die Grafiker und Programmierer für die Umsetzung weitergegeben werden kann. Ein Konzepter muss kreativ sein, gut formulieren und präsentieren können. Er braucht ein breites Wissen über Technik, Gestaltung und Marketing sowie viel Erfahrung.

Das Handwerkszeug zum Konzepter habe ich durch meine Studium mitbekommen. Da kann ich wirklich nicht klagen. Ich wundere mich eher immer wieder, warum nicht mehr MSDler als Konzepter arbeiten. Trotzdem gibt es zwei gravierende Gründe für mich zwar noch durchaus konzepter-ähnliche Tätigkeiten wahrzunehmen, aber nicht mehr Konzepter auf meiner Visitenkarte stehen zu haben.

Der erste Grund ist meine fehlende Fähigkeit kreativ zu sein. Ich kann vieles, aber ich kann mir einfach keine neuen Sachen einfallen lassen. Ich kann keine frischen Ideen produzieren. Alles, was ich mache ist ein Remix von etwas, was ein anderer zuvor erfunden oder entdeckt hat. Das mag sogar für viele Agenturprojekte ausreichend sein, reicht meinem persönlichen Anspruch aber nicht. Wenn ich als Konzepter bezahlt werde will ich auch innovative Konzepte liefern, die vorher noch nie da waren. Aber das kann ich leider nicht. Das einzige Umfeld, wo ich ansatzweise kreativ bin ist im Team. Wenn man gemeinsam überlegt und Ideen hin und her wirft gelingt es mir hin und wieder mit anderen gemeinsam etwas neues zu entwickeln. Das wiederum funktioniert aber mit den meisten Agenturen nicht, weil hier der Konzepter als jemand verstanden wird, der ein Briefing mit Nennung der groben Richtung und des Budgets bekommt, sich dann bitte verkriecht und zwei Wochen später mit dem fertigen Konzept wieder auftaucht.

Zum zweiten Grund komme ich gleich. Ich will aber noch mal klar machen, dass beim Konzepter für mich der Abschied nicht so definitiv ist, wie beim Projektmanager. Ich werde nicht mehr als Projektmanager arbeiten, das ist für mich völlig klar. Wie meine Arbeit als Konzepter weitergeht hängt auch sehr davon ab, wie sich dieser Job in den nächsten Jahren außerhalb der großen Agenturen entwickelt. Denn der zweite Grund nicht mehr als Konzepter arbeiten zu wollen hängt damit zusammen, dass ich vorerst nicht mehr für Agenturen arbeiten möchte.

Agenturen adé

Neben der Arbeit für eine Agentur habe ich im letzten Jahr einige Angebote von anderen Agenturen bekommen. In der Regel bin ich immer erstmal hingegangen, um die Leute kennenzulernen und zu schauen, wie flexibel sie bei ihren Vorstellungen einer Zusammenarbeit sind. Dadurch habe ich einen gewissen Einblick in die Denk- und Arbeitsweise von Agenturen gewinnen können und bin mir nun meiner Entscheidung für die Selbstständigkeit noch sicherer. Ich wüsste einfach nicht, wie lange ich es in einer Agentur aushalten würde.

Die meisten Agenturen arbeiten nach einer strikten Top-Down-Hierarchie. Das führt dazu, dass der Chef seine Untergebenen gerne Vorort haben möchte, damit das Team besser zusammenarbeitet, man schnell auf Veränderungen reagieren kann und jederzeit Meetings einberufen werden können, um es mal sarkastisch auszudrücken. In so einem System von ständigen Unterbrechungen gepaart mit einer rigiden Anwesenheitspflicht, würde ich komplett untergehen. Denn auch wenn ich mich nicht lange auf eine Sache konzentrieren kann, so muss ich mich doch überhaupt konzentrieren können. Wenn ich dann auch noch immer da sein muss wird es für mich ganz schwer. Wie schon gesagt funktioniere ich am besten in einem Team von Gleichberechtigten und das gilt auch, wenn ich nicht der Projektmanager bin.

Selbst wenn ich nicht festangestellt wäre und nur projektweise dazukäme, so konnte sich doch keine der Agenturen, mit denen ich gesprochen habe, dafür erwärmen, dass ich nur einen kleineren Teil der Zeit vor Ort wäre. Das Problem bei Agenturen im Zusammenhang mit dem Konzeptersein ist auch, dass Agenturen gerne Konzepter und Projektmanager zusammenlegen bzw. den Konzepter umfangreich in die Umsetzung des Konzepts involvieren. Der Konzepter soll Verantwortung übernehmen und das geht nach der Funktionsweise der meisten Agenturen nur Vorort. Selbst bei der Agentur in Berlin, die in vielen Bereichen flexibler (weil kleiner) war, kam immer wieder durch, dass sie mich langfristig in Berlin haben wollten, was der zweite große Grund war, warum wir die Zusammenarbeit beendet haben.

Zu Beginn meiner Arbeit als Selbstständiger im letzten Jahr war ich auch noch sehr aufgeschlossen. Ich war eigentlich zu allem bereit, was nicht 100% Festanstellung vor Ort war. Vier Wochen für ein Projekt vorbeikommen? Kein Problem.

Inzwischen sehe ich das anders, wie ich das schon beschrieben habe. Ich kann nur ganz schwer produktiv sein, wenn ich nach dem Rhythmus anderer arbeiten muss. Agenturarbeit bedeutet genau das. Dazu bin ich nach fünf Monaten auch Achse auch sehr reisemüde geworden. Im Gegenzug merke ich, wie gut es mir in den letzten Wochen getan hat auf Dauer hier in Karlsruhe zu sein und langsam wieder zu meinem eigenen Rhythmus zurückzufinden. Andere mögen keine Probleme mit ständigem rumreisen haben. Für mich ist das nichts, was aber auch nicht heißt, dass ich nicht mehr reisen werde. Nur werde ich bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr woanders für länger arbeiten.

Neben den Differenzen zwischen mir und Agenturen, was den Arbeitsstil betrifft, habe ich auch ideelles Problem mit der meisten Agenturarbeit. Wenn ich mir ansehe, wie Freunde sich abschaffen, die bei Agenturen arbeiten, frage ich mich was für eine Arbeitsauffassung dort herrscht. Wie gesagt, ich habe keine Problem mit Stress und schaffe auch gerne mal eine Nacht durch. Aber dafür, dass Firma XY jetzt auch einen Spielplatz in Second Life oder das Unternehmen YZ jetzt auch Flashvideos auf seiner Webseite hat? Ich habe kein grundsätzliches Problem mit solchen Projekten. Aber ich habe ein Problem mit Agenturen, die von ihren Mitarbeitern dafür 70-Stunden-Wochen verlangen, um ihre Kunden mit me-too-Projekten zu befriedigen. Nennt es Idealismus, nennt es Beeinflussung durch ‚Wir nennen es Arbeit‘, aber ich mag da einfach nicht mitmachen.

Mit der Arbeit für Agenturen stirbt somit für mich auch vorerst die Arbeit als Konzepter, weil die derzeit noch sehr eng miteinander verbunden sind. Insgesamt habe ich mich damit von fast allem verabschiedet, womit ich im letzten Jahr mein Geld verdient habe. Ein radikaler Schnitt der gleichzeitig weh und gut tut.

Veränderungen Teil 3 – Berufungen und Talente

Als Media System Designer (MSD) sind die Positionen des Projektmanagers und des Konzepters die typischsten für den Berufsalltag. Sie kommen dem, was man als MSDler lernt am nächsten. Da ich von meinem Typ her ein waschechter MSDler bin (weder Hardcore-Coder noch superkreativer Designer, sondern irgendwo dazwischen) habe ich auch schon während meines Studiums bei den Teamprojekten die Position des Projektmanagers wahrgenommen, um Erfahrung zu sammeln. Schon damals fiel mir die Aufgabe nicht leicht, aber ich ging davon aus, dass mir nur die nötige Disziplin und Erfahrung fehlt.

Als nun die Arbeit als Projektmanager für die Agentur in Berlin ebenfalls scheiterte wurde mir klar, dass es Zeit war grundsätzlich darüber nachzudenken, ob ich weiter vertreten kann, dass Projektmanager auf meiner Visitenkarte steht. Der Zeitpunkt für einen ehrlichen Reality Check war da.
Was will ich eigentlich? Wo liegen meine Talente? Was ist mit Berufung?

Berufung: Menschen helfen

Meine Berufung ist es Menschen zu helfen. Das ist es, was mich glücklich macht. Wenn jemand ein Problem hat und ich kann ihm dabei helfen, dann gibt mir das Energie anstatt sie mir zu rauben. Viele Leute stehen peinlich berührt daneben, wenn ich Stundenlang versuche herauszufinden, was mit ihrem Rechner nicht stimmt. Sie denken, sie rauben meine Zeit. Dabei macht es mir Spaß das Problem zu suchen, egal wie lange es dauert. Ich hasse es, wenn ich als Computerfreak abgestempelt werde und manche Menschen nur mit mir sprechen, wenn sie ein Problem mit ihrem System haben. Ab und zu überlege ich dann, ob ich einfach aufhören sollte, Computerprobleme anderer zu lösen. Aber das würde mir vor allem selbst schaden. So versuche ich halt mehr zum gegebenen Zeitpunkt klar zu machen, dass Computer für mich tolle Werkzeuge aber auch nicht mehr sind und ich auch noch andere Interessen habe. Hin und wieder wird diese Berufung von Leuten auch ausgenutzt, aber selbst dann kann ich nicht nein sagen (was ein Problem ist), weil es mich trotzdem ausfüllt.

Aus der Berufung Menschen zu helfen habe ich für mein Leben die Vision entwickelt, dass ich kreativen Menschen helfen möchte ihr Ding besser zu machen und sich dabei so wenig wie möglich in andere Bereiche einarbeiten zu müssen.

Berufung: Menschen lehren

Meine Berufung Menschen zu helfen geht aber noch weiter. Ich möchte ihnen nicht nur ihre Probleme abnehmen bzw. lösen. Ich möchte ihnen beibringen, wie sie die Probleme selbst lösen können. Es ist immer wieder beeindruckend, wieviel Kraft es einem Menschen gibt, wenn er merkt wie er etwas zu beherrschen lernt, was er vor noch nicht konnte. Auch bei dieser Berufung habe ich die passenden Talente in mir gefunden. Ich habe Spaß daran komplizierte Sachverhalte so darzustellen, dass sie auch von Laien verstanden werden. Ich kann ohne weiteres daneben sitzen, wenn jemand etwas selbst ausprobiert, ohne aggressiv zu werden, wenn er es nicht sofort versteht. Ich habe auch kein Problem vor einer größeren Anzahl von Menschen zu stehen, um Dinge zu vermitteln.

Dieser Teil meiner Berufung ist derzeit in meinem Leben völlig unterbelichtet. Ich habe bisher nicht mal eine Vision, wie ich das ganze in meinem Leben umsetzen will.

Berufung: Menschen inspirieren

Ich bin kein fokussierter Mensch. Wie ich schon geschrieben habe kann ich mich nur schwer längere Zeit auf eine Sache konzentrieren. Ich habe ständig Angst etwas zu verpassen In meinem Zimmer türmen sich die Zeitschriften zu den verschiedensten Themen. In meinem Reader tummeln sich Feeds, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich probiere ständig neue Sachen aus und lasse sie genauso schnell wieder fallen. Ich bin ein Newsjunkie und renne ständig die Grenze auf und ab, um zu sehen, ob es irgendwo etwas neues gibt. Das hat viel damit zu tun, dass ich im christlichen „Ghetto“ aufgewachsen bin, wo es nur eine Subkultur gibt und sich alles gleich anfühlt. Seitdem ich daraus ausgebrochen bin habe ich das Gefühl, dass ich rausfinden muss, was es da draußen alles gibt. Vielleicht gibt es ja etwas, was ich noch nicht kenne, was aber genau mein Ding ist und wobei ich meine Talente noch besser einsetzen kann. Diese Begabung kommt häufig mit meiner Berufung Menschen zu helfen zusammen. Ich sehe in meinem Umfeld häufig Menschen, die trotz ihrer Talente ein Durchschnittsleben führen und denke dann, wenn sie nur das oder das kennen würden würden sie merken, was in ihrem Leben möglich ist bzw. was sie daraus machen könnten. Es ist mir eine Herzensangelegenheit Menschen den Horizont zu erweitern und ihnen dabei helfen zu entdecken, was es da draußen alles gibt und was alles geht.

Menschen zu inspirieren und ihren Horizont zu erweitern ist für mich die Hauptmotivation zu bloggen. Aber eine größere Vision gibt es für diese Berufung in meinem Leben noch nicht. Ich habe immer schon gerne geschrieben und berichtet. Aber außer auf diesem Blog setze ich das noch nicht ein.

Nach dieser Rückbesinnung auf meine Berufungen und Talente wurde mir klar, dass es starke Diskrepanzen gab zwischen dem, was ich machen will und dem was ich im letzten Jahr gemacht habe.

Veränderungen Teil 2 – Mein Rhythmus

Als ich wieder in Karlsruhe war mit der Perspektive vorerst nicht mehr nach Berlin zu fliegen und der Druck der Arbeit weg war fiel eine monatelange Anspannung von mir, die ich vorher gar nicht wahrgenommen hatte. Ich hatte seit Juli komplett durchgepowert. Grundsätzlich macht mir Stress nichts aus. Ich kann gut unter Druck arbeiten und lasse mir eigentlich immer eine Deadline geben, wenn ich will, dass etwas wirklich fertig wird. Das entscheidende ist aber, dass ich das nach meinem eigenen Rhythmus machen muss. Der Gedanken, acht Stunden im Büro zu sitzen, was man in Agenturen ohne weiteres auf mindestens zehn Stunden verlängern muss, hat mir schon immer Angst gemacht, weil ich genau weiß, dass ich das einfach nicht kann. Auch um dem zu entgehen habe ich mich selbstständig gemacht. Trotzdem sah meine Arbeit im Herbst des letzten Jahres so aus, dass ich alle paar Wochen nach Berlin geflogen bin und dort in der Regel mindestens zehn Stunden in einem Büro saß. Und auch wenn das Büro der Agentur sehr stylisch ist und die Arbeit mit den Leuten dort eher locker und entspannt, so war es doch nicht mein eigener Rhythmus.

Mir fällt es schwer, mich länger auf eine Sache zu konzentrieren, insbesondere, wenn ich sie nicht besonders spannend finde oder sie nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört. Die Konzentrationsschwäche nimmt über den Tag noch zu. Deswegen arbeite ich gerne an verschiedenen Projekten gleichzeitig, weil dadurch schnelle Wechsel möglich sind. Ich kann mich immer wieder auf etwas anderes konzentrieren. Dabei hilfreich sind auch die Ortswechsel, die ich neulich schon angesprochen habe. Auch sie helfen mir die Arbeit spannend zu halten. Um so viel wie möglich zu schaffen, fang ich möglichst früh mit den wichtigsten Aufgaben an, damit ich so viel wie möglich erledigt bekomme, bevor der Konzentrationsverlust einsetzt. Das ist im Prinzip, wie ich zurzeit funktioniere und der Rhythmus, nachdem ich produktiv arbeiten kann.

In Berlin fing kein Arbeitstag vor zehn Uhr an und wurde selten vor acht Uhr abends beendet. Damit lag die Hauptphase in den Nachmittagsstunden, in denen bei mir in der Regel kaum noch was geht. Durch die Bürosituation bzw. das Zusammensitzen war es auch kaum möglich einfach mal den Ort zu wechseln, gerade weil man als Projektmanager ständig Fragen beantworten und auftauchende Probleme lösen muss. Insofern ist konzentriertes Arbeit sowieso schwer.

Ich habe also im Prinzip seit Juli 2006 nach dem Rhythmus von anderen statt meinem eigenen gearbeitet. Dazu kam, dass ich mich schon immer in der Rolle des Projektmanagers nicht wirklich wohl gefühlt habe. Wie sehr mich diese Zeit ausgebrannt hat merkte ich erst als sie vorbei war. Als die Entscheidung gefallen und ich wieder in meiner Wohnung in Karlsruhe saß klappte ich praktisch zusammen. Nichts ging mehr. Ich saß vor dem Rechner und wollte nur ein paar Mails beantworten. Aber ich konnte einfach nicht anfangen. Ich war völlig platt. Nenn es Burnout, nenn es Erschöpfungsdepression oder wie auch immer. Es war höchste Zeit gewesen auszusteigen. Also stellte ich meine E-Mail-Accounts auf Auto-Respond und hörte in der Woche vor Weihnachten komplett auf zu arbeiten. Ich schlief nur noch, schaute Filme und Serien und traf mich mit Freunden. Für die Weihnachtswoche vergaß ich meine Arbeit komplett und gönnte mir eine dicke Auszeit.

Veränderungen Teil 1 – Vorsätze und Entscheidungen

Es wird ja viel diskutiert über die Vor- und Nachteile von Neujahrsvorsätzen. Die allgemeine Meinung ist wohl, dass sie alles nichts bringen, da man sie in der Regel spätestens am zweiten Januar bereits alle gebrochen hat. Das Problem ist dabei wahrscheinlich, dass die meisten Vorsätze ähnlich wie Punkte auf To-Do-Listen in der Regel viel zu allgemein gefasst sind. „Abnehmen“ lässt sich als Vorsatz halt deutlich schwerer umsetzen als „Pro Woche mindestens einmal für eine Stunde spazieren gehen“. Messbare Ziele usw., ihr wisst schon.

Worauf ich eigentlich hinaus will ist, dass ich bisher nie meine Vorsätze auch nur ansatzweise umgesetzt habe, und das zum einen aus genau den Gründen, die ich oben beschrieben habe. Zum anderen aber auch deshalb, weil die letzten Jahre bei mir immer anders verliefen, als ich das zu Beginn jeweils dachte. Nach meinem Empfinden wird jedes neue Jahr immer intensiver und erlebnisreicher als das Vorjahr. Das meine ich erstmal ganz neutral. Es gab Jahre, die ich in guter Erinnerung habe und Jahre, die sich nicht so prickelnd angefühlt haben. Interessanterweise empfinde ich gerade auch die schlechten Jahre als sehr wichtig und will sie auf keinen Fall vergessen. Denn sie haben mein Leben entscheiden geprägt. Wenn ich heute jedes Jahr als intensiver empfinde, dann beginnt diese Entwicklung mit den Krisenjahren. In ihnen habe ich begonnen den Status Quo zu hinterfragen, was die eigentliche Krise ausgelöst hat. Dank dieser Fragen bin ich heute an diesem aufregenden Ort, geistlich, beruflich, freundschaftlich und gedanklich.

Es ist purer „Zufall“, dass große Veränderungen in meinem Leben genau mit dem letzten Jahreswechsel zusammen gefallen sind und sich deshalb 2007 schon jetzt komplett anders anfühlt als 2006. Ende letzten Jahres habe ich meine Zusammenarbeit mit der Agentur in Berlin beendet. Nach einem längeren Gespräch mit dem Chef dort war relativ klar, dass ich nicht der passende Mann für den Job bin, den besetzen wollten. Sie wollten einen waschechten Projektmanager, der Projekte durchplant, Aufgaben delegiert und den Programmierern Dampf macht, wenn die trödeln. Nach viel Nachdenken und Zurückblicken auf meine Arbeit in den letzten Jahren musste ich mir eingestehen, dass ich das einfach nicht kann. Ich funktioniere nicht in einem hierarchischen System, wo Verantwortung immer weitergegeben wird. Ich kann niemanden zur Sau machen, wenn er Mist baut. Ich funktioniere viel mehr in Teams von gleichberechtigten, wo jeder mit gleichem Interesse bei der Sache ist und es keine Diskrepanz gibt zwischen Beteiligten, die das ganze als Job sehen und Beteiligten, die das ganze als ihr Projekt sehen.

Nachdem die Entscheidung gefällt war war ich doch überrascht, wie krass sie sich anfühlte. Eigentlich hatte ich mich doch selbstständig gemacht, um nicht ausschließlich für eine Firma zu arbeiten, flexibel zu sein, Zeit für andere Ideen und Projekte zu haben. Irgendwie hatte es sich eingeschlichen, dass ich im Herbst fast ausschließlich für die Agentur gearbeitet hatte und sie auch dadurch zu meinem zentralen Geldgeber geworden war. Die Entscheidung dort aufzuhören wurde damit auch zu einer finanziellen Frage und allein das war für mich schon ein klarer Hinweis, dass hier etwas ganz anders lief als geplant. Es wurde mit jeder Überlegung klarer, dass diese Phase zuende gehen musste und so flog ich kurz vor Weihnachten das vorerst letzte Mal von Berlin nach Hause.