Johannes Kleske

Zukünfte verstehen und gestalten

Von Zukunftsnarrative zu umsetzbaren Erkenntnissen: Eröffnung einer Learning Journey in Berlin

Eröffnungsfolie: Willkommen in Berlin

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Diese Woche habe ich eine dreitägige Lernexpedition in Berlin für eine Führungsgruppe eines französischen Finanzunternehmens eröffnet. Wie bei jeder Eröffnungs-Keynote stand ich vor der bekannten Herausforderung: Wie kann ich eine typische „Trendpräsentation“ in etwas verwandeln, das die Teilnehmer/innen auf ihrer gesamten Lernreise wirklich befähigt? Meine Antwort: Ich gebe ihnen Werkzeuge an die Hand, mit denen sie jedes Zukunftsnarrativ selbst dekonstruieren können.

Agenda: 1. Inhalt: Die Transformation Berlins, 2. Fähigkeit: Futures Literacy, 3. Trend-Insights: Der Stand von KI

Jenseits der „Berlin Tech Mythologie“

Wenn Unternehmensgruppen Berlin besuchen, haben sie oft feste Vorstellungen von unserer „Tech-Kultur“: Sie stellen sich Horden von jungen Entwicklern vor, die tagsüber in Cafes programmieren und nachts im Berghain tanzen. Deshalb habe ich meine Keynote damit begonnen, die Entwicklung des Berliner Tech-Ökosystems seit der Wiedervereinigung nachzuzeichnen und zu zeigen, dass es heute reifer (und ja, auch nüchterner) ist.

Schlüsselerkenntnis: Städte durchlaufen Innovationszyklen genau wie Unternehmen. Die Frage, die ich ihnen stellte, lautete: „Wo steht eure Organisation derzeit in diesem Zyklus und wie müsst ihr eure mentalen Modelle in den nächsten drei Tagen aktualisieren?“

Dekodieren von Zukunftsnarrativen

Während ihrer Reise durch Berlin würden diese Führungskräfte unzählige Proklamationen über „die Zukunft“ von Gründern und Unternehmensinnovatoren hören. Jede von ihnen formuliert Zukunftsnarrative, die sowohl disruptiv als auch unvermeidlich klingen.

Aus der Perspektive eines kritischen Zukunftsforschers habe ich gezeigt, wie diese Erzählungen unsere Erwartungen und, ganz entscheidend, unsere Entscheidungen in der Gegenwart prägen. Dabei habe ich vier gängige rhetorische Tropen identifiziert:

  1. Die deterministische Zukunft: „Das ist schlicht das, was kommen wird. Es gibt keine Alternative.“
  2. Der revolutionäre Bruch: „Alles, was du kennst, wird bald überflüssig sein.“
  3. Technologie als Retter: „Diese Lösung wird alle deine Probleme lösen.“
  4. Die Warnung an die Nachzügler: „Pass dich an oder stirb. Du wirst gerade abgehängt.“

Dann habe ich ihnen einen Fragenkatalog an die Hand gegeben, um diese Erzählungen zu dekonstruieren:

Fragen zur Dekonstruktion von Zukunftsnarrativen

Fünf Fragen für jede Zukunftserzählung, der du begegnest:

  1. Wessen Version der Zukunft wird präsentiert, und wer gewinnt in dieser Erzählung an Macht oder Einfluss?
  2. Welche gesellschaftlichen oder branchenspezifischen Zwänge werden praktischerweise nicht erwähnt?
  3. Welche Annahmen über menschliches Verhalten oder Werte sind eingebettet, aber unausgesprochen?
  4. Wie positioniert diese Erzählung deine Branche: als gestört, als Partner oder als irrelevant?
  5. Wo passt dein Unternehmen in diese Erzählung, und wenn du fehlst, welche Geschichte könntest du stattdessen erzählen?

Von KI-Narrativen zur praktischen Anwendung

Da die KI-Diskussionen unweigerlich die Berlin-Tour dominieren würden, haben wir diese Analyseinstrumente direkt auf typische KI-Erzählungen angewandt.

Ein Beispiel aus der Session: Wenn ein Gründer in Berlin-Mitte erklärt, KI werde in zwei Jahren jeden Arbeitsplatz verändern, was passiert, wenn wir die Dekonstruktionsfragen darauf anwenden? Wer profitiert? VCs und Tech-Unternehmen, die Investitionen anziehen wollen. Was wird nicht erwähnt? Die realen Infrastrukturanforderungen, der Energieverbrauch, die technischen Grenzen heutiger Systeme. Welche Annahmen stecken drin? Dass technologische Adoption linear und unvermeidlich verläuft, obwohl die Technikgeschichte das immer wieder widerlegt.

Die 90-minütige Session verging wie im Flug. Die Teilnehmenden stellten detaillierte Fragen, bis die Organisatoren sie buchstäblich hinausschieben mussten, um ihren Bus zum ersten Unternehmensbesuch zu bekommen.

Konkurrierende KI-Narrative

Über den „Innovationstourismus“ hinaus

Allzu oft besteht die Gefahr, dass diese Lernreisen zu „Cargo-Culting“-Übungen werden: der blinde Einsatz von vielversprechenden Praktiken ohne kritische Reflexion darüber, was in einem spezifischen Kontext tatsächlich funktionieren würde.

Die wertvollsten Keynotes inspirieren nicht nur. Sie geben den Teilnehmenden auch praktische Werkzeuge an die Hand, um aus jedem folgenden Gespräch sinnvolle, kontextbezogene Erkenntnisse zu gewinnen.

Wenn du ein Führungsprogramm oder eine Konferenz planst und deinen Teilnehmenden mehr als nur Trendvorhersagen bieten willst, dann lass uns darüber reden, wie du Sessions gestalten kannst, die aus passiven Beobachtern aktiv Gestaltende ihrer Zukunft machen.


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