Johannes Kleske

Zukünfte verstehen und gestalten

Konferenzen ohne Grenzen

Mit der Erfahrung von Berlinblase fordere ich Veranstalter von Konferenzen und ähnlichen Events dazu auf, das Social Web endlich als essentiellen Faktor für ihre Konferenz ernst zu nehmen und professionell anzugehen.

Fast 2,5 Jahre Konferenzberichte mit Berlinblase

Vor fast zweieinhalb Jahren fand die erste Web-2.0-Expo in Berlin und um sie herum viele weitere Veranstaltungen der Web-Szene statt. Ein paar Freunde und ich waren dabei und starteten das Tumblelog „Berlinblase“, um all die Berichte um das Geschehen an einem Ort zu sammeln und ggf. zu zelebrieren oder sarkastisch zu kommentieren, je nachdem.
Der Name „Berlinblase“ entstand dabei als Gag aus der amüsierten Beobachtung heraus, dass gerade eine neue Blase um den Begriff „Web 2.0“ herum zu entstehen schien.

Womit von uns keiner gerechnet hat: Das Blog wurde gelesen und teilweise deutlich ernster genommen, als wir es jemals geplant hatten. Heise und O’Reilly-Radar verlinkten uns und die Veranstalter hatten offensichtlich einige Schwierigkeiten, diese seltsamen Krauts richtig einzuordnen. Inzwischen sind wir mit ihnen übrigens gut bekannt und wurden zu allen nachfolgenden Veranstaltungen immer persönlich eingeladen.

Wie immer, wenn etwas Spaß macht und auch noch Gehör findet, sollte man nicht aufhören. Und so haben wir seitdem von zahlreichen Konferenzen in Deutschland, England und Frankreich berichtet und uns dazu einen Ruf erarbeitet, der es uns unmöglich macht, den völlig schwachsinnigen Namen „Berlinblase‘ abzulegen. Zuletzt haben wir für Hubert Burda Media beim DLD10 in München als die offiziellen Liveblogger fungiert.

Die verschwimmenden Grenzen zwischen Social Web und Veranstaltungen

Neben unserer persönlichen Erfahrung als Verbindung zwischen den Konferenzen und dem Social Web hat sich diese Verbindung für viele Konferenzen und Events insbesondere im Technologiebereich auch allgemein in den letzten Jahren massiv weiterentwickelt.
Als wir anfingen, waren Livestreams noch sehr selten, sodass man auf die Berichte der Teilnehmer angewiesen war, die zu dem Zeitpunkt noch recht wenig auf Twitter unterwegs waren. Konferenzen waren weitgehend abgeschlossene Veranstaltungen. Das hat sich fundamental verändert.

Das Social Web lässt die Grenzen zwischen lokalen und virtuellen Zuschauern zunehmend verschwimmen. Bei der LeWeb09 in Paris waren ca. 2500 Teilnehmer vor Ort. Virtuell verfolgten aber bis zu 200.000 den Livestream bzw. die direkt verfügbaren Aufzeichnungen der Panels. Die Reichweite der Tweets und Blogartikel von der Konferenz lässt sich nur erahnen.
Konferenzen schlagen aber nicht nur Wellen im Social Web. Das Social Web sorgt auch immer mehr für Wellen vor Ort. Die Berichte von negativen Erlebnissen mit verdeckten Backchannels (der Eklat um Sarah Lacys Interview mit Marc Zuckerberg bei SXSW) oder mit offenen Twitterwalls (der Fall von Danah Boyd, die Twitterwall bei der republica09 und zuletzt bei der Social-Media-Week in Berlin) nehmen zu.

Deswegen halte ich es für höchste Zeit, dass Konferenzen und Events anfangen, das Social Web als essentiellen Bestandteil ihrer Veranstaltung zu begreifen. Sie sollten dies mit der gleichen Professionalität angehen wie den Rest der Organisation. Und ja, ich sehe hier durchaus Business-Potential für eine neue Eventagentur, die Veranstaltern dabei hilft.

Lösungsansatz Twitterwalls/Feedbackkanal

Was man alles machen könnte, darf der Inhalt von weiteren Blogartikeln sein. An der Stelle gehe ich nur mal beispielhaft auf das aktuelle Thema der Twitterwalls ein. Wie oben schon beschrieben hat sich in letzter Zeit einiger Unmut bei Konferenzen an diesen Darstellungen der aktuellen Tweets zu eben diesen entzündet. Problem ist dabei vor allem, dass die Twitterwalls bei vielen Veranstaltungen auf der Bühne hinter den Rednern oder dem Panel angezeigt werden. Das bedeutet, dass die Zuschauer sie ständig im Blick haben, die Leute auf der Bühne sie aber in der Regel im Rücken haben. Nur die wenigsten Konferenzen haben bisher Monitore mit der Twitterwall am vorderen Bühnenrand.

Grundsätzlich halte ich es für vorteilhaft, wenn es eine Art Feedbackkanal gibt, über den konstant Interaktion zwischen der Bühne, den Zuschauern im Saal und den virtuellen Zuschauern passieren kann.
Allerdings halte ich wenig davon, die Twitterwalls im Saal zu platzieren, weil sie sowohl Redner als auch Zuschauer ständig ablenken und so vom Inhalt ablenken, der hier im vollen Fokus liegen sollte. Aus dieser Ablenkung sind zuletzt die Aufreger entstanden.

Twitterwalls gehören für mich auf die Gänge einer Location, damit die Teilnehmer auch außerhalb der Räume ein Stimmungsbild mitbekommen können.
Um den Feedbackkanal trotzdem Teil des Ganzen werden zu lassen, halte ich es zukünftig für essentiell, dass es neben einem Moderator auch eine Art Community-Vertreter auf oder an der Bühne gibt. Dieser sollte in Abstimmung mit dem Moderator immer wieder Fragen, Feedback und Ergänzungen einbringen, ohne dass Moderator oder Redner sich darum auch noch kümmern müssen.

Mit Berlinblase haben wir das letztes Jahr zum ersten Mal in Zusammenarbeit mit den Veranstaltern beim DMMK gemacht. Bei dem von meiner Agentur mit organisierten Panel war neben Ossi Urchs als Moderator auch ich als Community-Vertreter mit auf der Bühne. Ich verfolgte auf meinem Rechner mit der Hilfe von Scribblelive den Twitterstream und markierte mir interessante Tweets, während sich Ossi und die Panelteilnehmer voll auf die Inhalte konzentrieren konnten. Zwischendurch fragte Ossi immer wieder bei mir nach, ob es Fragen oder Feedback gab. Kam ein wichtiger „Zwischenruf“ gab ich Ossi ein kurzes Zeichen und konnte so direkt eingreifen. Vorgesehen war das auch für die anderen Panels, deren Moderatoren sich dann aber in der Umsetzung nicht weiter darum kümmerten. Trotzdem halte ich das Vorgehen für durchaus sinnvoll und zukunftsweisend.

Nach dem gleichen Prinzip halte ich es für notwendig, dass man sich auch alle anderen Bereiche einer Konferenz vornimmt. Man sollte sich grundlegend konzeptuell überlegen, wie man die Vorteile des Social Webs einsetzt und die Nachteile bzw. Stolpersteine umgeht. Das Social Web wird nicht einfach verschwinden. Jeder Veranstalter hat also die Wahl, ob er das Beste daraus macht oder riskiert, das Ruder aus der Hand genommen zu bekommen.

Ergänzung: Berlinblase-Buddy Flo weist mich gerade völlig zurecht darauf hin, dass für Veranstalter das Social Web auch insofern ein enorm spannender Faktor ist, weil es die Sichtbarkeit der Sponsoren deutlich vergrößert.


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