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Trendberichte stapeln sich, Keynotes inspirieren, strategische Offsites enden mit langen Maßnahmenlisten. Und was passiert danach? Meistens fehlt die Brücke zum konkreten Handeln. Der Engpass ist selten ein Informationsmangel. Was fehlt, sind brauchbare Perspektiven: Szenarien, die nah genug an der eigenen Realität sind, dass ein Team damit arbeiten kann.
Meine These: Schnell ko-kreierte, unvollkommene Szenarien, die direkt aus dem Input des Teams entstehen, sind strategisch wertvoller als jede polierte Prognose. Denn das Ziel ist nützliche Provokation.
Was in 60 Minuten an der FernUni passiert ist
Vor kurzem leitete ich eine Session an der FernUniversität Hagen. Die Aufgabe: über 100 Expertinnen und Experten für Lehre und Prüfungswesen dabei unterstützen, die Zukunft akademischer Prüfungen in einer KI-Welt zu erkunden. Der ursprüngliche Plan sah einen klassischen Vortrag vor. Gleich nach dem Mittagessen, vor einem Raum voller Fachleute: Das Risiko für glasige Augen war real.
Also haben wir den Plan geändert. Statt eines Vortrags bauten alle Teilnehmenden in einer interaktiven Session selbst Zukunftsszenarien, unterstützt durch einen strukturierten Prozess, einen vorbereiteten KI-Prompt und eine klare Zeitstruktur von unter 60 Minuten.

Das Ergebnis: Die Teilnehmenden identifizierten gemeinsam die kritischsten Unsicherheitsfaktoren für ihr Feld, entwickelten live vier plausible Szenarien für 2028 und führten sofort intensive Diskussionen darüber. Die Szenarien funktionierten als Gesprächsobjekte, die Reaktionen, Annahmen und Präferenzen sichtbar machten.
Das Hauptziel der Erforschung von Zukünften in einem strategischen Kontext ist oft nicht die Vorhersage, sondern die nützliche Provokation.
Und die zweite Erkenntnis: KI-Tools sind nicht nur ein Thema, über das alle reden. Sie können auch Werkzeuge sein, um Zukunftsarbeit zu beschleunigen. In dieser Session übernahm ein Sprachmodell die Rolle des schnellen Entwurfsassistenten. Es lieferte Szenario-Rohentwürfe in Minuten, die das Team dann diskutieren und bewerten konnte. Die kognitive Energie der Teilnehmenden floss in Interpretation und strategische Einordnung statt ins mühsame Formulieren von Szenario-Texten.
Ich nenne diesen Ansatz Rapid Experiential Futures: ein Gegenmittel gegen passive Prognosen und ausufernde Zukunftsprojekte.
Das 5-Schritte-Playbook
Der Ansatz basiert auf einem der bewährtesten Szenario-Frameworks: der 2×2-Matrix. Zwei kritische Unsicherheiten, jeweils mit zwei möglichen Ausprägungen, ergeben vier unterschiedliche Szenarien. Das Playbook habe ich direkt aus der FernUni-Session destilliert.

Schritt 1: Frage und Umfang festlegen (10 Min.)
So geht’s: Formuliere vor der Session eine präzise, zeitlich begrenzte Frage. Nicht „Wie verändert KI unsere Branche?“ (zu breit), sondern etwas wie: „Wie sieht die Prüfungspraxis an unserer Hochschule 2028 aus?“ Die Frage muss eng genug sein, dass die Szenarien relevant werden, und offen genug, dass verschiedene Entwicklungen denkbar sind.
Aus der Praxis: An der FernUni lautete die Frage: „Die Zukunft der akademischen Prüfungen im Zeitalter neuer digitaler Werkzeuge“, mit einem konkreten 3-Jahres-Zeitrahmen bis 2028. Diese Klarheit ergab sich aus den strategischen Kernfragen, die die Organisatorinnen im Vorfeld formuliert hatten.
Schritt 2: Kritische Unsicherheiten herausarbeiten (15 Min.)
So geht’s: Sammle vorab 7-10 Faktoren, die die Zukunft des Themas beeinflussen könnten. Jeder Faktor besteht aus einer kurzen Beschreibung und zwei möglichen Richtungen. In der Session lässt du die Gruppe per Umfragetool (z.B. Mentimeter) über die zwei wichtigsten Faktoren abstimmen: Welche sind gleichzeitig sehr wichtig und sehr unsicher?
Aus der Praxis: Ich hatte Faktoren vorbereitet wie technische Entwicklungen, politische Veränderungen, Akzeptanz durch Studierende, ethische Normen. Die Gruppe wählte ihre zwei Schlüsselfaktoren per Live-Voting. Dieser Schritt ist entscheidend: Weil die Teilnehmenden selbst wählen, gehören die Szenarien von Anfang an ihnen.
Schritt 3: KI-gestützte Szenario-Entwürfe (10 Min.)
So geht’s: Bereite im Voraus eine Prompt-Struktur vor, in die du live die gewählten Faktoren einsetzt. Das Sprachmodell generiert dann vier Szenarien als Rohentwürfe. Teste den Prompt vorher gründlich. Die Ergebnisse sollen provokativ und konkret genug sein, um Diskussionen auszulösen.
Aus der Praxis: Ich hatte die Prompt-Struktur vorab getestet und das Szenarioformat festgelegt: ein kurzer erzählerischer Kern, illustrative Zitate, wichtige Merkmale, Diskussionsfragen. Auf der Bühne fügte ich die gewählten Faktoren ein. Innerhalb weniger Minuten standen vier unterschiedliche Szenarien auf dem Bildschirm.
Hier ist eine vereinfachte Version der Promptstruktur:
Du unterstützt mich bei der Durchführung einer interaktiven Sitzung zum Thema
"Zwischen KI-Revolution und Bildungsauftrag: Erkundung der Zukunft des Testens
für die Gegenwart" im Rahmen des Symposiums "Testen trotz und mit KI:
fachspezifische Perspektiven" an der FernUniversität Hagen.
Die Teilnehmer haben gerade mit Hilfe von Mentimeter zwei Schlüsselfaktoren
ausgewählt, die ihrer Meinung nach die größte Unsicherheit und den größten
Einfluss auf die Zukunft des Prüfungswesens haben. Eine detaillierte
Beschreibung der Schlüsselfaktoren findest du in den Projektunterlagen.
Auf der Grundlage dieser beiden Faktoren und ihrer jeweiligen Merkmale sollen
vier verschiedene Zukunftsszenarien für das Jahr 2028 entwickelt werden. Diese
werden dann als Grundlage für die Gruppenarbeit dienen. Die Szenarien sollten
nach folgendem Schema erstellt werden:
#### 1. Titel, Zeitmarker und visuelle Metapher
Ein prägnanter, einprägsamer Titel, der das Szenario charakterisiert,
ergänzt durch die genaue Jahreszahl (2028) und eine zentrale Metapher oder ein
visuelles Bild, das als Anker dient.
#### 2. Merkmale und einleitender Absatz
Explizite Nennung der beiden Schlüsselfaktoren, die dieses Szenario ausmachen,
gefolgt von einem kurzen einleitenden Absatz, der das grundlegende Merkmal des
Szenarios zusammenfasst (beginnend mit "In dieser Zukunft...").
#### 3. Signale aus der Zukunft (3-5 konkrete Beispiele)
Kurze, anschauliche Beispiele, die das Szenario im Hochschulalltag greifbar
machen. Diese "Signale" sollten spezifisch, anschaulich und direkt auf die
Realität der Prüfung bezogen sein.
#### 4. Schlüsselzitate (1-2)
Kurze, pointierte Aussagen von fiktiven Personen (Lehrkräfte, Studierende,
Hochschulleitung), die typische Einstellungen oder Erfahrungen in diesem
Szenario darstellen.
#### 5. Wichtigste Konsequenzen (3-4 Aufzählungspunkte)
Kurze, prägnante Darstellung der wichtigsten Konsequenzen für die
Prüfungspraxis in diesem Szenario.
#### 6. Gezielte Diskussionsfrage
Eine provokative oder offene Frage, die direkt in die Gruppenarbeit einführt
und zum weiteren Nachdenken anregt.
Die Teilnehmer haben folgende Faktoren ausgewählt:
[FAKTOR 1 MIT 2 AUSPRÄGUNGEN]
[FAKTOR 2 MIT 2 AUSPRÄGUNGEN]Schritt 4: Szenario-Diskussion in Kleingruppen (5 + 15 Min.)
So geht’s: Teile die Szenarien sofort über einen Link (z.B. Google Docs). Weise jeder Gruppe ein Szenario zu. Gib 2-3 scharfe Leitfragen vor: „Was kommt beim Lesen am stärksten zum Ausdruck? Was fühlt sich besonders herausfordernd an für uns? Welche Chancen oder Gefahren zeichnen sich ab?“
Aus der Praxis: Wir teilten den Raum in vier Quadranten, jede Gruppe bekam ein Szenario. Meine wichtigste Erkenntnis im Nachhinein: Beim nächsten Mal würde ich die Leitfragen noch stärker auf Gefühl und Reaktion fokussieren. „Wie fühlt sich diese Zukunft an?“ ist die Frage, die die interessantesten Gespräche auslöst.
Schritt 5: Reaktion und Reflexion (10 Min.)
So geht’s: Sammle schnelles Feedback aus jeder Gruppe. Frage explizit: „Was wird uns durch diese Szenarien über unsere bevorzugte Zukunft klar?“ Es geht darum, Annahmen, Präferenzen und blinde Flecken sichtbar zu machen. Welche Zukunft am wahrscheinlichsten ist, spielt dabei keine Rolle.
Aus der Praxis: Wir nutzten ein Mikrofon für schnelles Feedback. Die Vielfalt der Reaktionen war beeindruckend: Zustimmung hier, Widerstand dort, unerwartete Erkenntnisse. Es zeigte sich sofort, wo die Gruppe übereinstimmt und wo nicht. Und die Teilnehmenden formulierten plötzlich, wie eine wünschenswerte Zukunft aussehen würde. Das ist die Grundlage fürs nächste strategische Gespräch.
Mögliche Hindernisse
KI-Skepsis: Einige Teilnehmende zweifeln an der Qualität KI-generierter Inhalte. Stelle die KI klar als „schnellen Entwurfsassistenten“ dar. Die Ergebnisse sind Ausgangspunkte für die Diskussion. Vorher testen stärkt das Vertrauen.
Widerstand gegen Zukunftsdenken: Manche finden Spekulation abstrakt oder irrelevant. Verknüpfe die Workshopfrage (Schritt 1) eng mit einer konkreten, aktuellen Herausforderung. Der ko-kreative Aspekt (die Gruppe wählt selbst die Faktoren) erhöht die Relevanz.
Zeitdruck: Die 60-Minuten-Struktur ist bewusst knapp. Bereite Prompt und Logistik sorgfältig vor, halte Anweisungen kurz, sei diszipliniert bei den Übergängen. Das Ziel ist Provokation und Richtung, nicht Vollständigkeit.
Über die Stunde hinaus
Die Energie aus einem Rapid Experiential Futures Workshop verpufft, wenn danach nichts passiert. Drei Dinge helfen:
- Sofort dokumentieren: Erkenntnisse, Reaktionen, Chancen und Risiken festhalten und an alle Teilnehmenden verschicken.
- Verantwortung zuweisen: Eine kleine Arbeitsgruppe bestimmen, die Folgemaßnahmen vorschlägt.
- Folgetermin setzen: Ein kurzes Treffen vereinbaren, um die nächsten konkreten Schritte zu beschließen.
„Johannes Kleske hat bei unserem Symposium ‚Prüfen trotz und mit KI: fachspezifische Perspektiven‘ an der FernUniversität in Hagen gemeinsam mit über 100 Teilnehmenden die Zukunft des Prüfens und dessen Gestaltung in der Gegenwart in einer interaktiven Session erkundet. Zielgruppenorientiert, anregend, humorvoll: Wir bedanken uns herzlich für den Input!“
Claudia de Witt & Caroline Berger-Konen, FernUniversität Hagen
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